Die Führung in Teheran reagierte überraschend optimistisch auf die Machtübernahme der Taliban in Kabul. Grund hierfür ist eine dramatische Verhaltensänderung der neuen, alten Herren über Afghanistan: Als die Taliban in den 1990er Jahren erstmals an die Macht gekommen waren, verübten sie Massaker an den afghanischen Schiiten und ermordeten iranische Diplomaten in Mazar-i Sharif.

Walter Posch forscht über sicherheitspolitische Probleme des Nahen Ostens am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheeres. - © privat
Walter Posch forscht über sicherheitspolitische Probleme des Nahen Ostens am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheeres. - © privat

Damals, 1998, erlitt der Iran eine dermaßen schwere Niederlage, dass die Generalmobilmachung der Armee angeordnet wurde. Dass dann doch nicht in Afghanistan einmarschiert wurde, lag am Revolutionsführer Ali Khamenei, der den Plänen des Militärs skeptisch gegenüberstand. Er folgte jenen Beratern, die darauf hinwiesen, dass ein militärischer Einmarsch zwar relativ einfach durchzuführen wäre, der Konflikt sich jedoch mit zunehmender Verweildauer verändern und sich letztendlich negativ auf die innere Sicherheit des Iran auswirken würde. Dass es den Iranern dann doch gelang, in Afghanistan auf allen Ebenen präsent zu sein, verdankten sie dem Erzfeind USA, der die Herrschaft der Taliban im Jahr 2002 beendete.

Religion und Geopolitik

Der Iran kann Afghanistan aus historischen und wirtschaftsgeografischen Gründen nicht ignorieren. Das Land ist Teil der Persophonie, also des persischsprachigen Kulturraums, und Heimat wichtiger schiitischer Minderheiten wie der Hazara. Dazu kommen enge Beziehungen der iranischen Sunniten, vor allem der Belutschen, zu ihren Glaubensbrüdern jenseits der Grenze. So wie man nun in Kabul die Manipulation der afghanischen Schiiten durch die Führung in Teheran fürchtet, zeigt sich der Iran über den fundamentalistischen beziehungsweise dschihadistischen Einfluss aus Afghanistan auf die heimischen Sunniten besorgt.

In Afghanistan liegen darüber hinaus die Quellgebiete von Flüssen, die in den Ostiran entwässern. Die dortigen Oasen sind die wichtigsten Trinkwasserquellen für die Bevölkerung der Wüstenprovinz Sistan-und-Belutischstan. Der Iran versucht daher, afghanische Staudammprojekte am Oberlauf dieser Flüsse mit allen Mitteln zu verhindern. Und schließlich muss er aus geostrategischen Überlegungen in Afghanistan aktiv bleiben. So kam unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion die Idee eines Energie- und Transportkorridors auf, der über Afghanistan verlaufend die zentralasiatischen Republiken mit dem Persischen Golf verbinden soll. Die Frage, welcher Hafen am Golf zum End- oder Ausgangspunkt ausgebaut werden soll, ist bereits Teil der geostrategischen Konkurrenz: China unterstützt den Ausbau der pakistanischen Hafenstadt Gawadar, Indien das iranische Tschah Bahar. In beiden Fällen muss Afghanistan stabilisiert werden, um die gewünschten Energie- und Transportrouten bauen zu können.

Doch eine Stabilisierung Afghanistans ist ohne Überwindung des Konfessionskonflikts kaum möglich. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Taliban nach 20 Jahren prowestlicher Regierungen ihre gesellschaftliche Basis noch weiter ausbauen konnten, hat sich die Führung in Teheran für die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen vorbereitet. Die vom Iran verlangten Sicherheitsgarantien für die afghanischen Schiiten haben auch einen innenpolitischen Aspekt. Mit dem Auftreten des IS hat der Konfessionskonflikt zwischen Schiiten und Sunniten in der gesamten Region eine neue, blutigere Dimension angenommen. So haben IS-Anhänger auch im Iran mehrere schwere Anschläge verübt. Unabhängig davon warnt Revolutionsführer Khamenei seit Jahren vor der Gefahr konfessioneller Spannungen in der Region und im Iran.

Ein Paradigmenwechsel

Traditionellerweise unterstützten die sunnitischen Iraner das Lager der Reformkräfte im Iran. Das hat sich erstmals bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen geändert, weil die ostiranischen Sunniten auf den Rat des höchsten sunnitischen Würdenträgers des Landes, Scheichulislam Molavi Abdulhamid Ismailzahi aus Zahedan, ihre Stimmen dem schiitischen Fundamentalisten Seyyed Ebrahim Raisi gaben. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel im Verhältnis der Konfessionen zueinander, denn bisher waren die politischen Kreise, aus denen Raisi stammt, ausgesprochen intolerant gegenüber den iranischen Sunniten.

Seit der Wahl Raisis und verstärkt nach der Machtübernahme der Taliban sprechen das offizielle Teheran, Molavi Abdulhamid und afghanische Schiiten dieselbe Sprache: Der Westen habe die Lage nur verschlimmert, die Taliban seien legitim, und im Land herrsche Normalität. Allerdings präzisieren Abdulhamid und schiitische Vertreter in Afghanistan, dass Stabilität nur durch Inklusion aller Volks- und Religions- und Konfessionsgruppen entstehen kann. Ein erstes positives Zeichen haben die Taliban bereits gesetzt, indem die afghanischen Schiiten die Muharrem-Feierlichkeiten weitgehend ungestört durchführen konnten. Sollten die Taliban und der Iran die Politik der konfessionellen Toleranz weiter fortsetzen, hätte dies die gesellschaftspolitische und somit strategische Isolation des IS in der Region zur Folge.

Ein Ende des radikalen Islam und des Dschihadismus bedeutet dies freilich nicht, die Taliban sind auch in anderen Regionen fern von Afghanistan populär, und es wird sich weisen, in welche Richtung hin sie expandieren werden. Der Iran hat sich daher rechtzeitig mit dieser aufstrebenden, sunnitisch-fundamentalistischen Realität arrangiert, deren Erfolg er als Beweis für den Niedergang der Macht des Westens versteht.