Im Sommer 2001, kurz vor den 9/11-Ereignissen, publizierte das angesehene US-Magazin "International Security" eine umfangreiche Studie unter dem Titel "Wie die Schwächeren Kriege gewinnen" von Iwan Arreguin-Toft, einem Experten für Sicherheitsfragen an der Universität Oxford. Das bemerkenswerte Ergebnis der akademischen Arbeit: Schwächere und unterlegene Kriegsparteien können mit geeigneter Strategie einen weit überlegenen Gegner durchaus besiegen. Wie richtig das ist, hat nicht nur die Operation "Enduring Freedom" zur Befriedung Afghanistans, die kurz nach 9/11 begann und nun schmählich verendet, bewiesen. Auch alle anderen Militärinterventionen des Westens - mit der nennenswerten Ausnahme des Jugoslawien-Krieges - sind seit Vietnam mehr oder weniger spektakulär gescheitert.

Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten, dass nach dem wohl nahezu endgültigen Beweis der Theorie von den Schwachen als Kriegsgewinnern die Neigung des Westens, sich in absehbarer Zeit auf solche Expeditionen einzulassen, eher überschaubar sein wird. Und das wiederum wird Konsequenzen haben, die heute erst schemenhaft sichtbar, aber von kaum zu unterschätzender Tragweite sind, gerade für Europa.

Relativ absehbar ist: Die USA werden sich noch konsequenter aus ihrer Rolle als Weltpolizist zurückziehen; China und dessen Verbündeter Iran werden an Einfluss und Terrain gewinnen; auch Russland, die Türkei und Indien werden machtpolitisch dort vorstoßen, wo die USA und ihre Alliierten sich matt und erschöpft zurückziehen.

Es ist wohl ein weiterer, entscheidender Schritt zum Ende der "Pax Americana", die seit 1945 die Welt dominiert hat. An ihre Stelle tritt eine Handvoll globaler Player, die sich die Welt in Interessensphären aufteilen. "Es dürfte ein Regime der Einflusszonen entstehen, in dem die USA und China, Russland und Indien sowie die EU, sofern sie handlungsfähiger wird, als Akteure auftreten", formuliert es der deutsche Historiker Herfried Münkler. Das entscheidende Wort ist hier "sofern" - derzeit sieht es leider eher nicht danach aus. Wenn etwa die deutsche Bundesluftwaffe Tonnen alkoholischer Getränke in einem eigenen Frachter aus Kabul ausfliegt, um die religiösen Gefühle in einem der größten Drogen produzierenden Länder der Welt nicht zu verletzen, und die Briten wiederum 150 Hunde und Katzen auf dem Luftweg evakuieren, sieht das weniger nach "Wille zur Macht" aus denn nach fortgeschrittener Degeneration.

Es ist dies für uns Europäer deswegen ein sehr delikater Augenblick, weil sich in den kommenden Jahren angesichts dieser globalen Aufstellung erweisen wird, ob wir Akteure sein werden oder Gegenstand der Ambitionen der anderen Mächte - ob wir fressen oder gefressen werden. So ist das nämlich in der kalten Wirklichkeit da draußen, auch wenn das bei woken Schneeflocken Ängste triggert, die eines "safe space" bedürfen.

Eine EU, die nicht schnell lernt, Macht zu projizieren, und ein geachteter - dazu gehört auch: gefürchteter, man wird da auch über Kernwaffen sprechen müssen - Akteur zu werden, droht von China, Russland und auch den US-Verbündeten in Einflusszonen filetiert zu werden. Das wird zuerst Wohlstand und später auch Freiheit kosten. Noch haben wir es in der Hand.