Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht: stillstehende Fließbänder und Kurzarbeit in der Autoindustrie, weil Computerchips fehlen, oder ein (mittlerweile überwundener) Impfstoffmangel wegen unzureichender Vorprodukte. Auch die Hersteller von Laptops, Haushaltsgeräten oder Möbeln kämpfen mit Materialknappheit und Versorgungsengpässen. Corona hat nicht nur unser Gesundheitssystem auf die Probe gestellt, sondern auch scheinbar gut geölte Lieferketten gehörig durcheinandergebracht. Der Mangel an Waren lässt aktuell die Inflation spürbar anziehen, auch wenn es sich wohl um ein vorübergehendes Phänomen handelt.

Oliver Reiter ist Handelsökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). - © wiiw
Oliver Reiter ist Handelsökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). - © wiiw

In einer neuen Studie hat sich das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche angesehen, welche Produkte in den globalen Lieferketten am anfälligsten für Ausfälle sind. Von 4.700 untersuchten Gütern weisen 9 Prozent ein erhebliches Verfügbarkeitsrisiko auf, da sie sehr konzentriert - oft außerhalb Europas - hergestellt werden. Ein großer Teil entfällt auf Hightech-Produkte wie Elektronik oder Maschinen. Ihr Wertanteil am Warenhandel ist relativ hoch. In Euro oder US-Dollar gerechnet machen diese "riskanten" Güter für die gesamte Weltwirtschaft 27 Prozent aus. In Österreich mit seiner überdurchschnittlich starken Industrie sind es 35 Prozent, im EU-Schnitt immerhin 30 Prozent.

Robert Steher ist wissenschaftlicher Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und spezialisiert auf Handelsfragen. - © Jorit Aust / joritaust.com
Robert Steher ist wissenschaftlicher Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und spezialisiert auf Handelsfragen. - © Jorit Aust / joritaust.com

Gut ein Drittel aller Importe weist also ein hohes Risiko für Lieferausfälle auf - vor allem bei Hightech, aber auch Corona-relevanten Medizinprodukten. Besonders abhängig sind wir dabei von China und anderen Ländern in Asien. Das sollte uns zu denken geben. Eine globale Pandemie stellt nämlich beileibe nicht das einzige Risiko für Lieferunterbrechungen dar. Die Zerstörung wichtiger Produktionsstätten durch Feuer oder Naturkatastrophen zählt ebenso dazu wie die Blockade von Transportwegen. Wirklich gefährlich wäre aber ein Stopp von Exporten aus politischen Gründen im Rahmen eines Handelskonfliktes, wie er derzeit zwischen den USA und China tobt. Aufgrund von US-Sanktionen haben chinesische Technologiefirmen den Zugang zu Chips und Software aus den USA verloren. Ähnliches könnte Europa eines Tages in umgekehrter Richtung drohen. Von den Auswirkungen eines bewaffneten Konfliktes um Taiwan, das bei Halbleitern teilweise fast ein Produktionsmonopol hat, ganz abgesehen.

Europa sollte daher alles tun, um den regelbasierten, multilateralen Welthandel im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO zu stärken. Bei lebenswichtigen Erzeugnissen wie Medikamenten oder essenziellen Elementen zukunftsweisender Technologien wie Computerchips muss Europa aber auch ernsthaft über ein Zurückholen der Produktion nachdenken. Nur wenn wir Schlüsselindustrien wie Halbleiter wieder selbst in der Hand haben, bleiben wir langfristig wettbewerbsfähig. Dafür bedarf es aber neuer Rahmenbedingungen - etwa einer Änderung des EU-Beihilfenrechts für Betriebsansiedlungen oder einer auf diese Ziele ausgerichteten strategischen Industriepolitik, wie den angekündigten "European Chips Act". China und die USA haben das schon immer verstanden. Europa muss es endlich auch verstehen.