"So give me reason, to prove me wrong", sang Chester Bennington bis zu seinem Tod im Jahr 2017 auf den Bühnen dieser Welt. Fast schon visionär hatte die Band Linkin Park das zugehörige Lied 2009 auf den Titel "New Divide" getauft. Zwölf Jahre später bedauern wir in Österreich eine neue gesellschaftliche "Spaltung". Sie verläuft zwischen Geimpften und Nichtgeimpften sowie zwischen der Mehrheitsgesellschaft und einer diffusen Gruppe von "Corona-Skeptikern". Nicht alle in der zweiten Gruppe sind Verschwörungstheoretiker, wie Medien und Politik nicht müde werden zu erklären.

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter / WU
Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter / WU

Wie auch immer. Wir gehen in den zweiten Corona-Herbst, und die medizinische Lage kann jetzt schon als angespannt bezeichnet werden. Am 19. September 2020 befanden sich 349 Personen mit einem positiven Sars-CoV-2-Testergebnis in stationärer medizinischer Betreuung. Ein Jahr später sind es mit 861 Personen rund 2,5-mal so viele. Und das, obwohl medizinisch nachgewiesen hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen, von denen mittlerweile rund vier Millionen Dosen auf Lager liegen oder an andere Staaten weitergegeben wurden.

Die Impfquote ist viel zu niedrig, die Lage "hoffnungslos, aber nicht ernst". Und genau aus diesem Grund finden wir ausreichend Zeit, um in den öffentlichen Debatten alle unterschiedlichen Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Egal, wie abstrus diese sind, sie müssen ausreichend Platz finden. Der Vorwurf der Parteilichkeit muss um jeden Preis vermieden werden. Da kann uns schon auch einmal ein selbst ernannter Experte und Weltverbesserer ein Pferdeentwurmungsmedikament als solide Alternative zu den Impfstoffen anpreisen. Es tut auch nichts zur Sache, dass die US-Arzneimittelbehörde bereits vor einem Monat vor der Einnahme dieses Präparats dringend abgeraten hat. In Folge eines "unkontrollierten Feldversuchs" hatten sich die Spitäler im Bundesstaat Mississippi wegen der Verwendung dieses Entwurmungsmittels mit "freiwilligen Versuchskaninchen" gefüllt.

In der modernen Medien- und Aufmerksamkeitsökonomie hat sich ein Prinzip durchgesetzt: Konflikt ist immer besser als Konsens. In der politischen Debatte kann man das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Wer interessiert sich schon für einstimmige Beschlüsse im Nationalrat? Wird dieses Prinzip jedoch auf die Berichterstattung über wissenschaftliche Fakten und Evidenz umgemünzt, läuft man zwangsläufig in ein Problem. Auf der ewigen Suche nach sich widersprechenden wissenschaftlichen Einschätzungen manövrieren sich die Medien in die "False Balance"-Falle. Abstruse Minderheitsmeinungen werden dem breiten wissenschaftlichen Konsens als gleichwertige Alternative gegenübergestellt. In letzter Konsequenz entwertet dieses mediale Vorgehen die wissenschaftliche Expertise, und die breite Diskussion reduziert sich auf ein banales "He said, she said". Dass sich als Folge die Anhänger der unterschiedlichen Positionen unversöhnlich gegenüberstehen, darf nicht verwundern. Pluralistische Demokratien leben von einem breiten Meinungsspektrum, für alternative Fakten und Unwahrheiten sollte jedoch kein Platz sein.