Noch nie seit der Wiedervereinigung haben Industrieunternehmen in Deutschland so sehr über Materialengpässe geklagt wie aktuell. Zu Beginn des dritten Quartals meldeten fast zwei Drittel der Firmen, dass Engpässe bei der Lieferung von Vorprodukten die eigene Produktion behindern - im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 waren es nur 5,4 Prozent. Und Deutschland ist nicht das einzige betroffene Land.

Eric Heymann ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research, einer unabhängigen Denkfabrik unter dem Dach der Deutschen Bank.  - © Martin Joppen
Eric Heymann ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research, einer unabhängigen Denkfabrik unter dem Dach der Deutschen Bank.  - © Martin Joppen

Neben den physischen Knappheiten von Vorprodukten sind für die Unternehmen auch steigende Preise problematisch. Diese sind zum einen auf höhere Notierungen für Rohstoffe zurückzuführen. Zum anderen greifen die Lieferanten verstärkt auf ihr Fertigwarenlager zurück, um die Nachfrage ihrer Kunden zu bedienen. Wegen der aktuellen Engpässe können dabei deutliche Preiserhöhungen für Fertigprodukte durchgesetzt werden.

Bei Rohstoffen gab es in den vergangenen Monaten spürbare Preiserhöhungen. Der gesamte HWWI-Rohstoffpreisindex lag zuletzt auf dem höchsten Niveau seit Sommer 2014. Im August übertraf der Index den Wert des Vorjahres um 73,5 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Erzeugerpreisen wider. Sie lagen im August um gut 12 Prozent über dem Vorjahreswert - der kräftigste Anstieg seit Dezember 1974.

Bei einzelnen Produktgruppen fallen die Preisanstiege noch deutlich höher aus. Bei Metallen wurde das Vorjahresniveau um gut 35 Prozent übertroffen, bei bearbeitetem Holz um fast 100 Prozent und bei Eisen- und Stahlschrott um 105 Prozent. Der Erzeugerpreisindex für Energie (insgesamt) lag im August um 24 Prozent über dem Vorjahresniveau. Dabei übertrafen die Erzeugerpreise für Erdöl und Erdgas den Wert von 2020 um ganze 142 Prozent. Gerade die Gaspreise haben in den vergangenen Wochen kräftig angezogen.

In vielen Ländern wird die Konjunkturerholung durch Lieferengpässe und höhere Preise gedämpft. Zu spüren bekommen wird das vor allem über die Importpreise. Sie lagen etwa in Deutschland im August 2021 um mehr als 16 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau - es war der höchste Anstieg seit September 1981. Auch bei den Einfuhrpreisen verzeichnen Energieerzeugnisse besonders hohe Zuwächse, die im August um knapp 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegten (bei Öl und Gas um 104 Prozent).

Die physischen Lieferengpässe und gestiegenen Preisen für Vorleistungsgüter haben bereits die konjunkturelle Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe beeinträchtigt. Hier zeigt sich derzeit eine außerordentlich große Diskrepanz zwischen den Aufträgen und der inländischen Produktion. Der Auftragseingang übertraf im heurigen Juli das Produktionsniveau im selben Zeitraum um 24 Prozent. Noch nie seit der Wiedervereinigung gab es einen derart großen Unterschied zwischen Produktion und Aufträgen. Die Nachfrageseite ist kein limitierender Faktor für eine stärkere Erholung der Industrie.

Insgesamt dürften uns die Störungen der Lieferkette noch bis ins Jahr 2022 beschäftigen. Zwar könnten die schlimmsten Versorgungsengpässe bereits hinter uns liegen. Das heißt jedoch nicht automatisch, dass die Industrieproduktion im Anschluss besonders dynamisch anziehen wird.