Vorige Woche nahm ich auf einer Sitzbank mit vier grünen Plastikstühlen im Arkadenhof des Wiener Rathauses Platz. Ich saß auf Sitz Nr. 1, direkt neben mir Bürgermeister Ludwig auf Nr. 9, auf Nr. 7 daneben lag ein Fußball, einen Sitz weiter - Nr. 8 - saß mein argentinischer Botschafterkollege. Merkwürdig? Wenn man aus den Sitznummern die Jahreszahl 1978 formt, ist das Rätsel fast gelöst. Die Sitzbank stammt aus dem Fußballstadion in Córdoba. Als es renoviert wurde, bot man die Sitze der Stadt Wien an, zur Erinnerung an den 3:2-Sieg über Deutschland.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Aufmerksame Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen, dass ich zwar gelegentlich über Fußball schreibe, aber dieses Schlüsselereignis der deutsch-österreichischen Geschichte stets umschifft habe. Wohlgemerkt, nicht nur der Sportgeschichte: In der Nationalbibliothek gab es einmal eine Ausstellung mit dem Titel "Von Königgrätz bis Córdoba". Das entschuldigt vielleicht meine Zurückhaltung. Denn so sehr uns das Datum verbindet, so unterschiedlich ist doch die Erinnerung daran.

Für mich als Jungen im Ruhrgebiet endete mit jenem 21. Juni nicht nur die Zeit als gefühlter Weltmeister (von 1974), sondern ein wenig auch die Kindheit; eigentlich hatte ich an diesem Tag meinen zwölften Geburtstag gefeiert. Als ich mich vor zwei Jahren auf meinen Posten in Wien vorbereitete, erzählte ich einer Freundin davon, doch sie schaute mich ratlos an. Ich fragte: "Du bist wohl zu jung, um Dich zu erinnern?" Sie erklärte mir, als gebürtige Ostdeutsche könne sie mit westdeutschen Niederlagen in den 1970ern wenig anfangen. Für ihre Familie sei der WM-Sieg der DDR gegen die BRD wichtig gewesen.

Hamburg 1974, das Córdoba der Ostdeutschen?

Auch in dieser Hinsicht liegt die unterschiedliche Erinnerung also nicht nur am Ergebnis. Es gibt in Deutschland eine gewisse Neigung, den Erfolg bei großen Fußballturnieren erst nach dem Einzug ins Halbfinale zu beurteilen. Wenn eine Mannschaft vorher scheitert, wie in der Zwischenrunde in Argentinien 1978, verliert sie ihren Platz im Fußballgedächtnis, das geht schnell und gnadenlos. Man könnte sagen: Wer Deutschen Überheblichkeit vorwerfen will, findet im Fußball durchaus Anknüpfungspunkte.

In Österreich ist die Erinnerung naturgemäß eine andere. Der zweifache "Goleador" Hans Krankl pflegt zu sagen, Córdoba sei ein Triumph, der niemals vergessen werde. Nach zwei Jahren in Österreich scheint mir dies eine passende Zusammenfassung. Es gibt aber auch andere: Herbert Prohaska, der andere Star des Siegerteams, spöttelte einmal, er habe den Mythos dieses Sieges nie verstanden; schließlich habe er am Ausscheiden Österreichs auch nichts geändert.

Bei der fröhlichen Zeremonie im Rathaushof tauchte die Frage auf, wieso der "Goleador" nicht dabei war. Krankl sei eingeladen gewesen, hieß es, aber er habe leider andere Verpflichtungen gehabt. 40 Jahre später gibt es vielleicht auch für ihn Wichtigeres. Schade, ich hätte ihn gerne kennengelernt.