Der März 2020 markiert eine Zäsur: Die Schulen schließen wegen der Corona-Pandemie, und gleichsam über Nacht wird der Schulunterricht ins Private verlagert. Die Familien sind aufgerufen, zu Hause Kinderbetreuung, Homeoffice und Lernunterstützung zugleich zu bewerkstelligen. Lehrerpersonen müssen oft unvorbereitet ihre Konzepte komplett umstellen und in vielen Fällen sowohl Präsenz- als auch Distanzunterricht gleichzeitig umsetzen. Beides sind Herausforderungen und Leistungen, deren Bewältigung öffentlich kaum entsprechende Würdigung zuteilgeworden ist.

Mario Steiner leitet die Forschungsgruppe Bildungsforschung und Beschäftigung am Institut für Höhere Studien (IHS). - © IHS / Carl Anders Nilsson
Mario Steiner leitet die Forschungsgruppe Bildungsforschung und Beschäftigung am Institut für Höhere Studien (IHS). - © IHS / Carl Anders Nilsson

Durch Schulschließungen findet eine Privatisierung von Lernen statt. Es ist eine gut abgesicherte Erkenntnis der Bildungsforschung, dass damit eine steigende soziale Ungleichheit einhergeht, die international verglichen in Österreich an sich schon sehr hoch ist. Fragt man das Lehrpersonal von AHS und Mittelschulen - wie im Rahmen einer WWTF-geförderten repräsentativen Studie des IHS - über die Schwierigkeiten und Auswirkungen des Distanzunterrichts bei Schülerinnen und Schülern, dann sind die Ergebnisse besorgniserregend. Besonders häufige Probleme stellen die Tagesstruktur und die Motivation dar, danach folgen Schwierigkeiten mit der Technik, unruhige Arbeitsplätze und fehlende Unterstützung. Aufgrund dieser Probleme hatten in der ersten Schulschließungsphase mehr als ein Drittel aller Lehrkräfte die Sorge, das Kompetenzniveau der Schülerinnen und Schüler könnte sich verschlechtern; im zweiten Lockdown waren es schon deutlich mehr als die Hälfte. Bei benachteiligten Kindern und Jugendlichen stieg der Anteil auf über drei Viertel.

Angesichts dieser Ergebnisse stellt sich die Frage nach den Auswirkungen auf Bildungslaufbahnen. Da die amtliche Bildungsstatistik erst zeitlich stark verzögert darüber Auskunft gibt, liegen bisher nur Teilergebnisse vor. Dabei zeigt sich, dass die Anzahl der Jugendlichen, die nach der Pflichtschule in weiterführende Schulen oder die Lehre übertreten, deutlich gesunken ist. Für 6 Prozent der 14-/15-Jährigen ist der Verbleib in der Bildungslaufbahn ungeklärt, und bei einem Teil davon besteht die Gefahr eines frühen Abbruchs. Dies ist mit deutlich negativen Konsequenzen für die beruflichen Chancen verbunden. Dreimal so hohe Arbeitslosenquoten sind ein Beleg dafür. Daher sollte nicht nur in Zeiten eines immer virulenteren Fachkräftemangels alles bildungspolitische Streben darauf abzielen, dies zu verhindern.

Die Schlussfolgerung ist, dass die Schließung von Schulen nur die Ultima Ratio sein darf. Wenn Skilifte offen, aber Schulen geschlossen sind, wie dies im Herbst 2020 der Fall war, bedarf es dringend einer Diskussion über Prioritätensetzungen. Die Bildung ist hier in einer strategisch ungünstigen Position, weil der unmittelbar sichtbare Schaden fehlt, obwohl viel auf dem Spiel steht. Aus individueller Perspektive sind es Entwicklungschancen, aus volkswirtschaftlicher Perspektive sind es wegen Einbußen bei Produktivität und Einkommen hohe Milliardenbeträge, und aus sozialer Perspektive ist es aufgrund wachsender Ungleichheit der gesellschaftliche Zusammenhalt, um den es geht. Nicht mehr und nicht weniger.

Veranstaltungstipp:
Passend zum Thema findet am 13. Oktober die Heinrich Neisser Lecture 2021 zum Thema "Covid-19 und die Klassenfrage" mit der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, statt. Info &Anmeldung