Im Oktober und November werden in Gemeinden und Pfarren Erntedankfeste gefeiert, bei denen auch die bäuerliche Arbeit, die Leistungen der Land- und Forstwirtschaft für eine lebenswerte Umwelt sowie ihre Verantwortung für die Schöpfung gewürdigt werden. Wenn Politiker über die Ernährungssicherung und die ausreichende Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen, die Notwendigkeit der Energiewende sowie Maßnahmen für den Klimaschutz diskutieren, wird von der bäuerlichen Interessenvertretung zu Recht darauf verwiesen, dass die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Leistungen für die Umwelt faire Marktpreise und einen höheren Anteil von auf Bauernhöfen produzierten Lebensmitteln in der Wertschöpfungskette erfordern. Die Pandemie und die Zunahme der Naturkatastrophen zeigen, dass Ernährungssicherung auch in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist.

Gerhard Poschacher war langjähriger Leiter der agrarpolitischen Abteilung im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft und ist als Publizist tätig. - © privat
Gerhard Poschacher war langjähriger Leiter der agrarpolitischen Abteilung im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft und ist als Publizist tätig. - © privat

Der mittlerweile 85-jährige Papst Franziskus überraschte 2015 die Weltgesellschaft mit seiner 250 Seiten umfassenden Umwelt-Enzyklika "Laudato si" ("Gelobt sei ..."), in der er sich auf das Schöpfungsgebet der UNO bezog, das im neuen katholischen "Gotteslob" zu finden ist. Darin wird die Notwendigkeit des sorgsamen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen sowie der Natur und Umwelt hervorgehoben und zum Ausdruck gebracht, dass Erntedank auch Bauernlob ist. Franziskus hat die Zeit von 1. September bis 4. Oktober als ökumenische "Schöpfungszeit" ausgerufen. In seinem päpstlichen Rundschreiben sprach er von einer "Ökologie des Menschen" und prangerte die Irrwege in der Steuer-, Klima- und Umweltpolitik an. Seine Botschaft wird heute und als Konsequenz der Pandemie von der Politik mit dem Green Deal ernst genommen und in Österreich mit einem anspruchsvollen Klimaschutzprogramm einschließlich einer ökologischen Steuerreform umgesetzt.

Weltgewissen für die Ernährungssicherung

- © apa / Barbara Gindl
© apa / Barbara Gindl

Die am 16. Oktober 1945 gegründete Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) in Rom ist das Weltgewissen für die Lebensmittelversorgung. Das UN-Ernährungsprogramm, das von Österreich mit jährlich 5 Millionen Dollar unterstützt wird, hat eine Balance zwischen Überfluss und Elend zum Ziel. Im Vorjahr wurde das 1961 aufgestellte Welternährungsprogramm mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Während der Welthunger nach wie vor dramatisch zunimmt und bereits 10 Prozent der rund acht Milliarden Menschen zählenden Erdbevölkerung betrifft, werden in den Industriestaaten, insbesondere auch in Österreich, immer mehr Lebensmittel vernichtet und im Müll entsorgt. Der Rechnungshof kritisiert in einem neuen Bericht, dass in Österreich 167.000 Tonnen Ernährungsgüter pro Jahr weggeworfen werden, 55 Prozent davon in privaten Haushalten. Weltweit wird ein Sechstel der Lebensmittel (1,6 Milliarden Tonnen pro Jahr) vernichtet.

Immer mehr Ökonomen und Umweltwissenschafter kommen zur Einsicht, dass mittelfristig nur eine Abkehr von der Wegwerfmentalität und eine Änderung des Lebensstils den schon jetzt überforderten Planeten retten können. Die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf der Weltbevölkerung ist in den vergangenen Jahrzehnten von 0,5 Hektar auf 0,2 Hektar gesunken. Die FAO hat errechnet, dass schon jetzt in den USA fünf und in der EU etwa drei Erden notwendig wären, um den Ressourcenbedarf zu decken.

In Mangelzeiten nach dem Krieg hatte ein Getreidekorn noch einen anderen Stellenwert als heute. Vor der Mechanisierung der Landwirtschaft waren Ackern, Säen und Ernten noch weitgehend von der Handarbeit bestimmt. Bei jeder Schnitte Brot, die gegessen wurde, wussten die Menschen, wie viel Mühe dahintersteckte. Heute ist festzustellen, dass in Zeiten der Globalisierung die großen Ernährungskonzerne entscheidend mitbestimmen, was auf den Feldern der fünf Kontinente wächst.

Jeder Verbraucher entscheidet mit

Unsinnige Transportwege erschweren nachhaltige Wirtschaftssysteme. Die größte Joghurtfabrik der EU befindet sich in Griechenland, und die Milch kommt unter anderem auch aus Deutschland. Das fertige Produkt wird dann in andere EU-Länder - auch nach Österreich - verkauft. Die preisgünstige Allzweckwaffe der Lebensmitteltechniker ist mittlerweile Soja - mit fortschreitender Abholzung der Regenwälder. In 10.000 verschiedenen Nahrungsmitteln ist es zu finden.

Erntedankfeste sollten daran erinnern, dass jeder Verbraucher durch Ort und Auswahl der eingekauften Lebensmittel darüber entscheidet, was aus unserer Landwirtschaft wird. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherung (AGES) hat ermittelt, dass 84 Prozent der Österreicher den Bauern vertrauen, im EU-Durchschnitt sind es 69 Prozent. Die Werbekampagne der Hagelversicherung gegen die zunehmende Versiegelung von Äckern und Wiesen - "Sind die Böden einmal fort, bleibt uns nur mehr der Import" - ist ein dramatischer Appell zur rechten Zeit. Im aktuellen OECD-Ausblick über die Entwicklung der Lebensmittelproduktion wird prognostiziert, dass diese bei sinkendem Fleischkonsum bis 2030 ansteigt, aber ihre Verteilung ungleich bleibt und deshalb Unterernährung und Hunger eine Geißel der Menschheit bleiben.