Viele Experten und Journalisten in den USA und in Europa versuchen in allen möglichen (Fach-)
Artikeln zu belegen, dass sich die Taliban des Jahres 2021 im Vergleich zu den Taliban, die 1996 die Kontrolle über Afghanistan übernahmen, nicht verändert haben und das Land nun erneut zu einer Wiege für alle Arten von Terroristen machen werden. Die Bestätigung dieser These suchen sie meist in den Namen der nun in die Übergangsregierung berufenen Taliban-Führer, die sich nicht besonders von denen des Jahres 1996 unterscheiden.

Zlatko Hadzidedic ist Gründer und Direktor des Zentrums für Nationalismusforschung in Sarajevo (www.nationalismstudies.org). - © privat
Zlatko Hadzidedic ist Gründer und Direktor des Zentrums für Nationalismusforschung in Sarajevo (www.nationalismstudies.org). - © privat

Doch all diese Experten (mit Ausnahme bemerkenswerter Intellektueller wie Djawed Sangdel) haben irgendwie übersehen, dass sich die Zeiten - genauso wie das geopolitische Umfeld, in dem der ganze Umsturz stattfand - geändert haben. Denn wie können die Taliban dieselben bleiben, wenn sich die ganze Welt so tiefgreifend verändert hat? Unabhängig davon, wie starr sie in ihrem Glauben als religiöse Bewegung sind, hatten auch die Taliban als politische Organisation keine andere Wahl, als sich dem Wandel der Zeit anzupassen.

Die Taliban konnten nicht zuletzt mit Hilfe Pakistans - und Chinas - wieder an die Macht kommen. - © afp / Karim Sahib
Die Taliban konnten nicht zuletzt mit Hilfe Pakistans - und Chinas - wieder an die Macht kommen. - © afp / Karim Sahib

Erstens setzten sich die Taliban mit den USA zusammen, um über ihre Machtübernahme und den US-Abzug zu verhandeln, was darauf hindeutet, dass die USA nicht mehr dieselbe Hegemonialmacht sind, die sich einst weigerte, "mit Terroristen zu verhandeln".

Zweitens haben sich die Taliban eine andere politische Philosophie zu eigen gemacht, die diplomatischen - statt militärischen - Mitteln den Vorzug gibt, wenn sie sich als effizienter erweisen.

Drittens fanden die Verhandlungen in Katar statt, dem wegen seines Bündnisses mit dem Iran isoliertesten arabischen Land. Das zeigt, dass das Weiße Haus nicht nur Katarer, sondern auch Iraner als Vermittler und potenzielle Partner akzeptiert hat. Umgekehrt spiegelt sich darin auch wider, dass die Iraner ungeachtet tiefgreifender ideologischer Differenzen die Taliban als potenzielle Partner akzeptieren.

Viertens haben China, Russland, der Iran und Pakistan ihre diplomatischen Vertretungen in Kabul nach dem Machtwechsel nicht geschlossen, was zeigt, dass zwei Welt- und zwei Regionalmächte mit den Taliban kooperieren wollen; sie erhoffen sich, dass sie davon profitieren können.

Wer sind die Taliban?

Daher werden die Taliban zumindest nicht so isoliert sein wie in ihrer ersten Herrschaft (1996 bis 2001), was sicher zum ersten Mal verschiedene außenpolitische Optionen eröffnen wird. Freilich bleibt die wichtigste Frage zu beantworten: Wer sind eigentlich die Taliban? Und wer hat sie geschaffen?

Vor kurzem gab Zbigniew Brzezinski, einst Nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter, in einem Interview stolz zu, dass die US-Geheimdienste Ende der 1970er eine Reihe islamistischer Kämpferzellen in Afghanistan eingeschleust hatten, die ins Gebiet der damaligen Sowjetunion eindringen und militärische Aktionen durchführen sollten, um einen Einmarsch in Afghanistan zu provozieren. Afghanistan sollte für die UdSSR zu einer vergleichbaren Katastrophe werden wie Vietnam für die USA. Das kommunistische Reich sollte in der Folge kollabieren.

Nun, bekanntermaßen tappten die Sowjets 1979 in diese Falle, und der Rest ist Geschichte: Letztendlich wurden sie von den gut organisierten islamistischen Kämpfern, die auf einen Guerillakrieg besser vorbereitet waren, besiegt und vertrieben. Wie stolz Brzezinski heute auch auf diese Idee sein mag, so ist doch bekannt, dass ihre Ausführung und Umsetzung zu mehr als 90 Prozent einem Nicht-US-Geheimdienst überlassen wurde: der pakistanischen Inter-Services Intelligence (ISI). Pakistan war damals einer der treuesten Verbündeten der USA und Großbritanniens.

Die Schlüsselrolle Pakistans

Die im "National Interest" veröffentlichte, herausragende Analyse "Forever Friends? Pakistan and the Taliban Still Need Each Other" macht deutlich: Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 verbündeten sich die USA mit Pakistan in einem Proxykrieg gegen die UdSSR an vorderster Front. Im Afghanisch-Sowjetischen Krieg (1979 bis 1989) wurden tausende Mudschaheddin aus der ganzen Welt rekrutiert, in Pakistan ausgebildet und dann in Afghanistan eingesetzt.

Pakistan erhielt nicht nur wirtschaftliche und militärische US-Unterstützung in Milliardenhöhe, sondern baute auch seinen Einfluss in Afghanistan durch enge Beziehungen zu den afghanischen Mudschaheddin aus, die sich später in den 1990ern zu den Taliban zusammenschlossen. 1994 gründete Mullah Mohammed Omar mit fünfzig Studenten in Kandahar die Taliban. Bis 1995 wuchs die Gruppe auf 25.000 Kämpfer an, die zwölf Provinzen kontrollierten. Dank ihrer schnellen geografischen Expansion gelang es den Taliban, die Kontrolle über den Großteil des Landes zu erlangen und 1996 das Islamische Emirat Afghanistan zu gründen. Die erstmalige Einnahme von Kabul wird auf die starke Unterstützung Pakistans zurückgeführt.

Die Rekrutierung der Taliban aus den Reihen der afghanischen und pakistanischen Paschtunen und ihre militärische Ausbildung für den Guerillakrieg sowie ihre religiöse Indoktrination mit einer Mischung aus pakistanischem Deobandi- und saudi-arabischem Wahhabiten-Islam sind daher als spezielle Geheimdienstoperation des ISI zu betrachten; dasselbe gilt für ihren militärischen Sieg. Natürlich wäre dies ohne entsprechende Deckung durch die CIA und den britischen MI6 sowie die Unterstützung durch den saudi-arabischen Geheimdienst GID (General Intelligence Directorate) nicht möglich gewesen.

Die Taliban - ein Proxy

Die Taliban und ihre hybride Ideologie wurden also zu einem bestimmten Zweck geschaffen, und ihre brutale Politik nach der Machtergreifung diente ebenfalls einer bestimmten geopolitischen Agenda. Damals wurde ideologisch und auch praktisch der Grundstein für die Legitimierung des späteren "Kriegs gegen den Terror" der USA gelegt, der dem zentralen Teil Eurasiens 20 Jahre lang ununterbrochene Instabilität beschert hat. Es gibt also keinen Grund, die Taliban als authentische Bewegung zu betrachten - sie wurden als Proxy geschaffen und hatten keine andere Wahl, als ein Proxy zu bleiben. Die Frage ist nur: wessen Proxy?

Zweifellos wurde die zweite Ankunft der Taliban vom ISI vorbereitet und unterstützt. Auf operativer Ebene sind sie eindeutig Pakistans Proxy geblieben. Allerdings hat Pakistan in der Zwischenzeit seine geopolitische Ausrichtung völlig verändert und seine Loyalitäten gewechselt. Ursprünglich vom britischen Empire durch die religiöse Teilung des postkolonialen Indiens und die Abspaltung eines großen Teils des paschtunisch besiedelten Teils Afghanistans geschaffen, um eine kontinuierliche anglo-amerikanische Kontrolle über das Herz Eurasiens zu ermöglichen, sah sich Pakistan von seinen einstigen Schutzherren im Stich gelassen und in die Enge getrieben, als diese ihr Kapital und ihr geopolitisches Gewicht in die Stärkung und den Aufstieg von Pakistans Erzfeind, dem hinduistisch beherrschten Indien, investierten.

Chinas Interessen

Natürlich war dies nicht das erste Mal, dass die britisch-amerikanische Achse Indien gegen Pakistan unterstützte, so wie sie auch Pakistan gegen Indien unterstützte. Diesmal geschah es jedoch im Kontext des Aufstiegs der extremsten Form des religiösen Nationalismus unter Indiens Premier Narendra Modi, der darauf abzielte, die Muslime als Bestandteil der indischen Nation endgültig zu eliminieren, was Pakistan zu einem weiteren Konflikt mit Indien über eine eindeutige Grenze der muslimisch-hinduistischen Trennung zwingen würde. Scheinbar ging es Großbritannien und den USA darum, Indien gegenüber seinem alten (und für sie neuen) geopolitischen Gegner China zu stärken. Damit verloren sie jedoch ihren treuen Verbündeten Pakistan, der nun in China, einen potenziellen Verbündeten und geopolitischen Förderer sah, und gaben China zudem ein völlig neues Druckmittel in die Hand, um das geopolitische Gleichgewicht in Eurasien grundlegend zu verändern.

Mit Blick auf die Sicherung seines wichtigsten strategischen Projektes, der "Belt and Road" -Initiative, insbesondere der Korridore China/Pakistan und China/Zentralasien/Westasien, sowie auf das eigene "Muslime-Problem" durch die drohende islamistische Radikalisierung der Uiguren in Xinjiang war es Chinas oberstes Ziel, Afghanistan der US-Kontrolle zu entziehen. Die Taliban als Pakistans Proxy erschienen dafür als das am besten geeignete Instrument. Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer, sich vorzustellen, warum sie vom ISI so schnell und effizient wiederhergestellt wurden und plötzlich politisch und militärisch an Stärke gewannen.

Eine neue Ausrichtung

Die Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 wurde also, wie schon 1996, maßgeblich von Pakistan unterstützt. Diesmal jedoch in einem völlig anderen geopolitischen Umfeld, da Pakistan nun unter dem geopolitischen Schutzschirm Chinas steht, was eine völlig andere geopolitische Ausrichtung sowohl Pakistans als auch der Taliban impliziert. Statt den Zielen von Halford Mackinders Doktrin der permanenten Destabilisierung Eurasiens zu dienen, um die US-britische Kontrolle über die Seehandelswege der Welt zu sichern, sind Pakistan und seine Stellvertreter nun offen für die Förderung der entgegengesetzten geopolitischen Agenda: der chinesischen Doktrin des Aufbaus einer eurasischen Handelsinfrastruktur zu Lande als Alternative zur anglo-amerikanischen Hegemonie über die Seehandelswege. Eine solche Doktrin, die in der "Belt and Road"-Initiative zum Ausdruck kommt, erfordert eine dauerhafte Stabilisierung des eurasischen geopolitischen Raums, und Afghanistan nimmt dabei einen strategischen Platz ein.

Natürlich war das einzige, was die chinesischen Beamten in der Öffentlichkeit tun konnten, die Botschaft in Kabul offen zu halten, die Taliban anzuerkennen und Außenminister Wang Yi zu einem Treffen mit der Taliban-Delegation in Tianjin zu entsenden. Die Taliban ihrerseits bezeichneten China als "befreundetes Land" und luden es ein, sich am Wiederaufbau und an der Entwicklung Afghanistans zu beteiligen, wobei sie die Sicherheit der chinesischen Investitionen garantierten.

Es erübrigen sich jedoch Spekulationen, ob die neue Version der Taliban wirklich verschiedene islamistische Gruppen daran hindern wird, in Chinas Territorium sowie ins Territorium der postsowjetischen zentralasiatischen Republiken einzudringen. Diesmal wurden die Taliban wiederbelebt und als Wachhund installiert, der keinem anderen Zweck dienen soll als jenem, Afghanistan zu einem Teil einer möglichen strategischen Allianz zwischen China, Pakistan und dem Iran zu machen. All dies steht im Einklang mit Chinas strategischer Vision, die eurasische Landmasse für die transkontinentale Entwicklung von Infrastruktur, Handel und Industrie stabil zu machen, mit dem Ziel einer wirtschaftlichen und einer politischen Vereinigung des eurasischen Kontinents.