Hunderte Male habe ich das Loblied auf Österreich aus dem "Ottokar" von Franz Grillparzer in Schulen, Theatern oder bei patriotischen Feiern gehört. Ich selbst habe es mindestens zehnmal vorgetragen. Nach der Darstellung der schönen Landschaft Österreichs heißt es: "D’rum ist der Österreicher froh und frank, / trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden. / Beneidet nicht, lässt lieber sich beneiden! / Und was er tut, ist frohen Mut’s getan. / ’s ist möglich, dass in Sachsen und beim Rhein / es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen; / allein, was nottut und was Gott gefällt, / der klare Blick, der off’ne, richt’ge Sinn, / da tritt der Österreicher hin vor jeden, / denkt sich sein Teil und lässt die andern reden!"

Manfried Welan ist seit 50 Jahren Verfassungspolitologe. Er war unter anderem in Wien ÖVP-Stadtrat und Dritter Landtagspräsident sowie langjähriger Rektor der Boku. - © Christoph Gruber / c.gruber@boku
Manfried Welan ist seit 50 Jahren Verfassungspolitologe. Er war unter anderem in Wien ÖVP-Stadtrat und Dritter Landtagspräsident sowie langjähriger Rektor der Boku. - © Christoph Gruber / c.gruber@boku

Unser Deutschlehrer fragte uns, ob Grillparzer den Österreicher hier ironisierend dargestellt habe. Wir verneinten das einstimmig. Als Alter kann ich schon anderer Meinung sein. Mehr als 100 Jahre später verfasste Anton Wildgans 1929 seine berühmte "Rede über Österreich". Ich gehöre noch zu den Generationen, die sie als Büchlein kostenlos in der Schule erhalten haben, sogar zweimal. Mir gefielen seine Erkenntnis und sein Bekenntnis zum österreichischen Menschen. Er soll zweierlei aus der Geschichte gelernt haben: Psychologie und das Dienen an einer Idee. Wildgans lässt gelten, dass wir Österreicher "Phäaken" genannt werden, und zwar in dem Sinne, "dass unser mit allen Gotteswundern der Schönheit begnadetes und von freundlichen Menschen bewohntes Land auch weiterhin ein Eiland des Gesanges sei und dass von ihm die edle Heiterkeit und die starkmutige Ergriffenheit menschlicher Herzen ausgehe, in diesem Sinne wollen wir Österreicher Phäaken sein und bleiben".

- © Illustration: stock.adobe.com / hobbitfoot
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1949 verfasst Alfred Polgar den Nachruf "Der Österreicher". Er beginnt mit Friedrich von Schiller - Deutscher durch Zufall der Geburt, Weltbürger aus Überzeugung: "Der Österreicher hat ein Vaterland und liebt’s und hat auch Ursach’, es zu lieben." Auch Polgar geht von der österreichischen Landschaft aus und stellt fest: "Der Mehrheit österreichischer Menschen eigentümlich - ihr größtes gemeinschaftliches Maß - war die Begabung, dem Dasein die hellen Seiten abzugewinnen, die Neigung, auch das Schwere leicht zu nehmen. Nicht zu leugnen, dass diese angenehmen Qualitäten sich zuweilen unangenehm manifestierten: als Bereitwilligkeit, die Dinge laufen zu lassen, wie sie laufen; als bewusstes Verkennen einer Gefahr, um nicht von dem Problem, wie sie abwenden, belästigt zu werden; als Trägheit des Herzens, versteckt hinter liebenswürdiger Wurschtigkeit. In Österreich, ehe es im großdeutschen Wolfsrachen verschwand, galt der Grundsatz: Leben und leben lassen. (...)

Der Österreicher, wie er vor seinem temporären Untergang war, hatte Widerwillen gegen Automatisierung und Uniformierung des Daseins. Der ‚tierische Ernst‘, den der echte deutsche Mann auch in der Behandlung und Erledigung von Kleinkramproblemen zeigt, war ihm wesensfremd. Er hatte Witterung für das Komische im Pathetischen, das Lächerliche im allzu Selbstbewussten. (...)

Die Methoden des Österreichers, sich mit dem Leben und seinen Zumutungen abzufinden, wurden mitbestimmt von einer instinkthaften Ahnung des Komödischen in diesem. Darüber, dass ‚das Leben ein Theater‘ sei, waren gebildete und ungebildete Österreicher einig. (...)

Der Österreicher wollte, dies vor allem, ‚seine Ruhe haben‘, und ließ deshalb in logischer Ergänzung auch die anderen gern in Ruhe. Eine Folge dieser quietistischen Haltung war es, dass er das Ungewohnte mit Misstrauen betrachtete und dass ihn das Neue zum Widerstand reizte, auch wenn es das Bessere war. (...)

Der Österreicher ist so deutsch, wie seine Donau blau ist. Dies ist sie bekanntlich, obschon das Walzerlied es obstinat behauptet, keineswegs. Sie war es vielleicht einmal (...) in der Idee. Aber nach einer langen Karriere als Strom sieht sie so aus, als hätte der liebe Gott alle Pinsel, mit denen er das Land ringsum bunt bemalt hat, in ihren Wassern abgewaschen."

Der österreichische Mensch
ist ein Abstraktum

Viele haben nach dem österreichischen Menschen gesucht: Friedrich Heer, William Johnston, zuletzt Michael Breisky. Letzterer sieht das Österreichische in den integrativen Fähigkeiten und im ganzheitlichen Verständnis, im Umgang mit Gegensätzlichkeiten, im Verständnis für die bunte Vielfalt der Wirklichkeit, im Durchwurschteln und im Weiterwurschteln, im Pragmatischen und in der "österreichischen Lockerheit".

So zitiert er Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der am 26. Oktober 2018, am Nationalfeiertag, sagte: "Was das Österreichische ausmacht? Anders als der radikale Standpunkt, der alles verachtet, was von der ‚reinen Lehre‘ abweicht, nimmt das Österreichische die Realität zur Kenntnis. Es nimmt zur Kenntnis, dass die Welt eben nicht aus Schwarz und Weiß, aus unversöhnlichen Positionen besteht, sondern dass eine Lösung zum Wohle aller immer in der Mitte liegt. Das hat uns in den letzten hundert Jahren erfolgreich gemacht. Immer dann, wenn wir das vergessen haben, sind wir blutig gescheitert."

Der österreichische Mensch ist ein Abstraktum. Man kann ihn mit netten Klischees ausstatten oder mit unsympathischen. "Der Bockerer" (1981) gehört zur ersten Gruppe, "Der Herr Karl" (1961) zur zweiten; "3. November 1918" (1965) zur ersten, "Heldenplatz" (1988) zur zweiten, usw. Professor Erwin Ringel, der Neurosenkavalier und Psychiater der Nation, hat unsere Erziehung zur Gehorsamkeit, Höflichkeit, Sparsamkeit kritisiert - das devote Dienen, den vorauseilenden Gehorsam. Und er fragte: "Wo bleibt das Glücklichsein?" Er wollte aber nicht, dass "glücklich ist, wer vergisst . . ." Aber als Österreicher lernt man in unserem schönen Land von Kindheit an viele verschiedene Weisen, glücklich zu sein.

Breisky erklärt, wie Europa schon früh zum österreichischen Menschen beigetragen hat: "Die mit Österreich synonym genannten Habsburger kamen aus der Schweiz, Österreichs größter Feldherr, Prinz Eugen, aus Savoyen, Kaiserin Maria Theresias engster Berater war der Portugiese Emanuel Silva-Tarouca, Begründer der Wiener Schule in und für Medizin war der Niederländer Gerard von Swieten. Zielstadt der größten Musiker Europas, von Vivaldi bis Beethoven, war Wien. Erfolgreichster Staatsmann und Kutscher Europas war der Rheinländer Clemens Wenzel Lothar Metternich. Bezeichnend ist doch, dass die hier genannten Größen in der Zeit der Aufklärung gelebt haben, ohne ihre Ideen zu Ideologien gemacht zu haben. Dies in einer Zeit, in der die Idee vom linearen Effizienzstreben entstanden ist."

Schließlich will Breisky dagegen kämpfen, die EU mit abstrakten Regeln und nicht zuletzt mit gesichtslosem Bürokratismus zu assoziieren. Er stellt uns vorbildliche Menschen vor - zur Ehre europäischer Altäre erhoben: Er stellt uns ein Dreigestirn aus W. A. Mozart, Papst Johannes XXIII. und Anne Frank vor - Mozart, weil er mit seiner alle Sprachgrenzen überschreitender Musik Ideale der europäischen Aufklärung in wunderbarer Weise zu vermitteln wusste; "il Papa Giovanni", weil er liebevoll in großväterlicher Ausstrahlung und ohne Aufgabe kultureller Identität die europäischen Tugenden im "aggiornamento" verkörperte; und Anne Frank, weil diese junge Frau in ihrem Tagebuch, vor einem großen, schrecklichen Hintergrund, Zuversicht zu bewahren wusste, und in besonders berührender Weise Toleranz und Menschlichkeit vermittelt hat. Ja, muss man sagen, das gehört in die europäischen Lesebücher, die wir aber noch nicht haben, und in österreichische Lesebücher im Besonderen, die schon zu haben sind.