Stürme, Trockenheit, Überflutungen machen auch vor Europa keinen Halt. Was viele noch vor zehn Jahren nicht glaubten und heute nur noch rechtspopulistische Klimaleugner dementieren: Die Erderwärmung ist von Menschen verursacht und muss auch von uns gebremst werden. Der Pariser Vertrag und die Folgekonferenz in Glasgow sind der Versuch, den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen. Jedes Land muss seine Strategie vorlegen, sie werden verglichen und bewertet.

Karl Aiginger ist Direktor der Europa-Plattform (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europa-Projekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl
Karl Aiginger ist Direktor der Europa-Plattform (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europa-Projekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl

Das braucht ein Umdenken: Die derzeit vorliegenden Pläne weisen - selbst wenn sie eingehalten würden - eher in Richtung 3 Grad. Das bedeutet für Österreich wahrscheinlich 4 bis 5 Grad. Kein Skifahren im Alpenvorland ist dann mehr möglich, keine gefrorenen Seen zum Eislaufen. Wir können uns helfen, indem wir auf den abschmelzenden Gletscher hinauffahren oder künstliches Eis erzeugen, aber das bedeutet wieder mehr Schäden.

Steuerung der Preise
und soziale Balance

Auch im Verkehrssektor braucht es ein Umdenken. - © apa / Guido Schiek
Auch im Verkehrssektor braucht es ein Umdenken. - © apa / Guido Schiek

Besser wäre es, die Emissionen zu verteuern. Benzin zum Beispiel am Anfang um 10 Cent pro Liter, später um 50 Cent, dann bis zu 2 Euro. Vorhersehbar, damit es langfristig vermieden und durch E-Mobilität, bessere Öffis, Fahrgemeinschaften, Radwege, Parks und Einkauf im Grätzel sowie Homeoffice statt täglichen Pendelns ersetzt wird. Die Einnahmen aus der CO2-Steuer müssen jenen zugutekommen, die den Klimawandel am wenigsten verursacht haben und das wenigste Geld zur Vermeidung haben.

Wenn Energie teuer ist, wird sie effizienter genutzt. Heute liegt die Effizienz in einigen EU-Ländern dreimal so hoch wie in den USA. Die Landwirtschaft muss Methan und Pestizide vermeiden. Etwas weniger Fleisch zu essen ist auch gesünder, weniger Zuckerkonsum reduziert die Dickleibigkeit. Leistbares Wohnen erfordert gute Dämmung, die Besteuerung leerstehender Wohnungen und Häuser erspart uns, in immer größere Vorstädte auszuweichen und die Zersiedelung zu fördern. Dezentrale Heizungen ersparen Starkstromleitungen, wir müssen unseren Solarstrom an Nachbarn verkaufen, Busse und Lkw können mit grünem Wasserstoff fahren. Wir müssen generell neue Technologien entwickeln.

Schaffen wir das? Nicht ohne einen radikalen Kurswechsel. Regierung und Städte müssen Deadlines für die Nutzung von Benzin- und Dieselautos setzen, das ölreiche Norwegen hat dafür 2025 gewählt. Das macht die Luft besser und das Leben gesünder. Wer heute einen Verbrenner kauft, sollte unterschreiben müssen, dass er in fünf Jahren nicht mehr im Stadtzentrum genutzt werden darf und in zehn Jahren gar nicht mehr. Und richtig berechnet ist der Verbrenner heute schon teurer als das E-Auto, weil der Ölwechsel entfällt, Service und Strom billiger sind und den höheren Anschaffungspreis kompensieren.

Wollen das alle EU-Staaten? Einige nutzen noch Kohle, auch Deutschland. Frankreich wiederum schwärmt von neuen sicheren Atommeilern, obwohl die Endlagerung nicht gesichert ist und Kraftwerke viel Energie zur Errichtung brauchen. Ein Riesenkraftwerk in Großbritannien bekommt die höchsten Subventionen, während Premier Boris Johnson die Klimakonferenz in Glasgow eröffnet. Der Green Deal ist eine Hoffnung, aber das Geld muss aufgebracht werden, indem man bei der Bürokratie spart und kontraproduktive Subventionen beendet.

Tut das Österreich? Wir waren einmal Vorreiter und sind jetzt Nachzügler. Ist das nicht gut für den Wirtschaftsstandort? Mitnichten; wer später handelt, muss das mit fremder Technologie machen. Der Leader hat die Vorteile, der Nachzügler die Kosten und Verluste bei Gesundheit, Wäldern und Arbeitsplätzen.

Ein neues gemeinsames
Ziel für Europa

Der Turbo auf dem Weg zur Europäischen Gemeinschaft war die Friedensidee. Wir haben das geschafft und dafür den Friedensnobelpreis bekommen. Am Frieden muss weitergearbeitet werden. China mit seinem autoritären Modell will die Führung in der neuen Weltordnung übernehmen und kauft Häfen und Logistikzentren und erweitert sein Hoheitsgebiet durch künstliche Inseln. Europa hat das beste soziale und ökologische Modell und kann es zum Vorbild machen: als Speerspitze gegen die Erderwärmung, mit ehrgeizigen Zielen und neuer Technologie. Unsere Nachbarn werden uns das danken. Führende Industriekonzerne - auch Autohersteller - wissen das und nutzen es zu ihrem Vorteil.

Europa kann bei der Konferenz in Glasgow und in den Folgejahren die Führung in der Klimapolitik übernehmen, Österreich kann Europameister werden. Zu unserem Vorteil und zur Begrenzung der Erderwärmung.