Es sei tot, da niemand es spreche, nicht "nützlich" genug, und die meisten Schülerinnen und Schüler hätten ohnehin keinen Spaß daran: Ist das Fach Latein heutzutage obsolet? Dabei - so zeigen die in den aktuellen Lehrplänen formulierten Ziele - könnte es absolut zeitgemäß sein. Nicht allein, weil es praktisch ist, sich die unzähligen lateinischen Lehn- und Fachwörter im Deutschen selbst herzuleiten: Plädoyer, Effizienz, obsolet, formulieren, absolut - allein fünf im Text bis hierher.

Clara Kassing ist 25 Jahre alt und lateinbegeisterte Studentin an der LMU München. Sie setzt sich mit diversen Projekten für lebendigen Unterricht ein. - © privat
Clara Kassing ist 25 Jahre alt und lateinbegeisterte Studentin an der LMU München. Sie setzt sich mit diversen Projekten für lebendigen Unterricht ein. - © privat

Vielmehr eröffnen die im Lateinunterricht gelesenen Texte und die Beschäftigung mit der römischen Kultur eine Reflexion über unsere eigenen ethischen Grundwerte, schaffen ein Bewusstsein für deren Wert und die Notwendigkeit, sie zu schützen. Mit ihnen lernt man unterschiedliche Antworten auf existenzielle Grund- und Sinnfragen kennen, die seit der Antike bis heute die Geistesgeschichte Europas durchziehen: Das regt an, schafft Orientierung und entlastet.

Die rhetorische Kraft eines Cicero lässt sich im gesprochenen Wort besser erahnen als im geschriebenen. - © Bild: Fresko von Cesare Maccari, 1888
Die rhetorische Kraft eines Cicero lässt sich im gesprochenen Wort besser erahnen als im geschriebenen. - © Bild: Fresko von Cesare Maccari, 1888

Einzigartig im Fach Latein ist die Verknüpfung dieser ethisch-philosophischen Lernziele mit Sprachkompetenzen - was vernetzendes Denken fördert: Latein ist schwierig und unterscheidet sich stark vom Deutschen; beim Übersetzen die entschlüsselten Satzbausteine zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen, trainiert die Problemlösefähigkeit. Den Satz jetzt noch in gutes Deutsch zu verwandeln, beinhaltet ein Bewusst-und-allgemein-über-Sprache-nachdenken-Lernen: über ihre Möglichkeiten und Grenzen. Das regt gleichzeitig dazu an, über die eigene Muttersprache zu reflektieren.

Das Eintauchen in Rhetoriktheorie soll befähigen, Argumentations- und Manipulationstechniken zu erfassen. Und zu guter Letzt können fremde darstellende Kunst, Rhythmen und Klänge das ästhetische Bewusstsein erweitern - ein wichtiger Gegenpol zur grassierenden Orientierung an wirtschaftlichem Nutzen, die nicht selten das Innehalten und Fühlen, das Menschsein, vergisst. Wenn das Fach Latein all das bietet (und dies waren nur die Kernpunkte), wieso befindet es sich dann noch immer in ständiger Rechtfertigungsnot? Der Grund: Latein wird im Lateinunterricht kaum gesprochen. Jetzt werden viele sagen: "Oh Gott, diese Sprache ist schon schriftlich so schwer! Welches Genie könnte sie auch noch sprechen?" Nun, lernen Sie einmal Englisch fünf Jahre schriftlich und versuchen Sie es dann plötzlich zu sprechen - viel Vergnügen. Wer Latein von Anfang an auch mündlich übt, wird es sprechen lernen wie jede moderne Fremdsprache auch.

Reine Schriftlichkeit
steigert die Schwierigkeit

Viel lohnenswerter ist doch die Umkehrung dieses Gedankens: Wie klug ist es, die Schwierigkeit einer schweren Sprache durch reine Schriftlichkeit noch zu steigern? Diese bedeutet Distanz: Distanz ist das, was flüssiges Sprachverständnis behindert - und das, was viele Schülerinnen und Schüler heute wie früher mit Latein verbinden. Wenn Sprache und Fach in ein Heute gebracht werden sollen, wieso bedient man sich dann inmitten eines modernisierten Lehrplanes noch immer einer didaktischen Praxis von gestern?

Es gibt mindestens fünf Gründe dafür, dass es unverzichtbar erscheint, Latein an der Schule auch in erheblichem Maße zu sprechen - und zwar richtig, um auch nur eines der Lernziele des Lehrplanes adäquat zu erfüllen:

Mehr Spaß: Im ersten Lernjahr fragen viele neugierig, ob Latein auch gesprochen werden könne, und ob man selbst einmal etwas auf Latein sagen könne, was sofort staunend kommentiert wird. Es ist deutlich spürbar: Diese unvorbelasteten Kinder suchen den natürlichsten Zugang zu einer neuen Sprache - über Mündlichkeit. Sie wollen die Sprache auch sprechen. Indem dieses Bedürfnis unterdrückt wird, verschwindet früh ein Teil der natürlichen Begeisterung. Die Motivation nicht vollends zu nutzen, bedeutet schlicht weniger Lernerfolg, kurz: Ineffizienz.

Schnelleres Textverständnis erlaubt es, sich früher auf Inhalte zu konzentrieren. Denn oft wissen Schülerinnen und Schüler nach dem schwerfälligen Übersetzen eines Textes überhaupt nicht, was inhaltlich drinsteht.

Stil und Argumentationstechnik verstehen: Ohne Sprachgefühl kann man kein Gefühl für die Überzeugungs- und Manipulationskraft von Sprache zu entwickeln. Hat es einen Sinn, eine Gerichtsrede Ciceros zu lesen, ohne ihre rhetorische Kraft wenigstens erahnen zu können?

Unterstützung dabei, bewusst über Sprache nachzudenken: Wem zu einer lateinischen Konstruktion im Deutschen intuitiv vier Wiedergabemöglichkeiten im Deutschen einfallen, verfügt über eine breitere Basis für jede anschließende Reflexion über Sprache im Allgemeinen.

Ästhetisches Verständnis ist ein reines Produkt von Wunschdenken: Die Schülerinnen und Schüler sollen einen "Sinn für das ästhetisch Schöne" entwickeln - bei falscher Aussprache und Unvermögen, über das starre Festkleben am Wörtlichen hinauszukommen? Wenn sie die Wirkung eines Gedichtes gar nicht spüren, geschweige denn sagen können: "Das gefällt mir" - oder eben "nicht" -, welchen Sinn haben Gedichte dann in der Schule?

Latein an heutigen Schulen ist ein Anachronismus. Seien wir doch effizient! Und: Es macht auch noch Spaß.