"Wir werden weiter Kohle abbauen und an die Länder verkaufen, die sie brauchen." Mit dieser Ansage des australischen Premiers Scott Morrison lässt sich für mich die Erwartung an die Ergebnisse des UN-Klimagipfels auf ein Niveau ohne negatives Überraschungspotenzial senken. Ich bin ja nur der Meteorologe, der von der Bühne der Weltpolitik wenig versteht, vielleicht kann ich gerade deshalb die Größe der Vision von Morrison nicht fassen. Was ich aber fassen kann, ist das Thema, um das sich all die getätigten Lippenbekenntnisse drehen: der Klimawandel in seiner Natur, in seinen Ursachen und seinen Auswirkungen.

Manfred Spatzierer ist Chefmeteorologe des Wetterdienstes Ubimet. - © Ubimet
Manfred Spatzierer ist Chefmeteorologe des Wetterdienstes Ubimet. - © Ubimet

Wir pfuschen durch die stetig steigenden Emissionen anthropogener klimawirksamer Gase wie Kohlendioxid und Methan am Wintermantel unseres Planeten Erde. Das ist sinnbildlich richtig, denn ohne den natürlichen Glashauseffekt einer Grundmenge dieser Gase hätte die Erde aufgrund ihrer geometrischen Position im Sonnensystem eine über das Jahr gemittelte Oberflächentemperatur von etwa minus 18 Grad Celsius. Indem wir die Winterisolation verdicken, steigt die Durchschnittstemperatur unter dem Mantel - dies ist aber nicht die einzige Auswirkung.

Unser Klimasystem besteht aus der Atmosphäre, der Lithosphäre, der Kryosphäre und der Hydrosphäre. All diese Sphären mit ihren jeweils eigenen Dynamiken sind über nicht-lineare Zusammenhänge miteinander gekoppelt und im gegenseitigen Austausch. Variiert man die Einstellparameter der aktuell stabilen Lösung, nämlich unseres derzeitigen Klimas, so tut sich eine Zeit lang bei den Ergebnissen nicht viel, und das Weltklima schwankt in einem engen Rahmen um das gut Bekannte. Man kann allerdings zeigen, dass bei zu großer Variation der Einstellgrößen Änderungen nicht mehr reversibel werden und die Lösung des Problems Klima in einen komplett anderen Lösungsraum springt, zum Beispiel in den eines eisfreien Planeten ohne Polkappen.

Wir bewegen uns exponentiell beschleunigt hin zu einem anderen Lösungsraum - und die großen Industrienationen wagen dabei nicht einmal den Griff nach der Handbremse. Welche Wettermuster und Lebensbedingungen in einem solch anderen Lösungsraum dominieren werden, das können wir uns heute nur ansatzweise vorstellen. Vermutlich werden Regionen in den Subtropen, die bereits jetzt an der Grenze zur Verwüstung stehen, ohne künstliche Maßnahmen vollkommen unbewohnbar. Gebiete der borealen Tundra- und Taigazone könnten hingegen deutlich habitabler werden. Denkt man aber an die heutige weitgehende Unversehrtheit dieser Wald und Graslandschaften, kann das auch nur als gefährliche Drohung verstanden werden.

Ich habe durch meinen Hintergrund als Meteorologe diese Szenarien in Form zahlreicher Simulationen numerisch, durch Zahlen greifbar vor mir. Umso weniger Verständnis habe ich nun für die politischen Führungen der großen Nationen, die die Notwendigkeit für konzertierte Gegenmaßnahmen und forcierte Anpassung an sich zwangsweise ändernde Lebensbedingungen auf der Erde einem kurzfristigen wahltechnischen und wirtschaftlichen Kalkül unterordnen.