Die Zahl der Mitarbeiterinnen in Seniorenpflegeheimen richtet sich nach dem Betreuungsbedarf, der aufgrund der Pflegestufen ermittelt wird. Diese hinkt dem Istzustand stets hinterher, da sich der Pflegeaufwand naturgemäß oft rasch erhöht und es dauert, bis Neuzugänge eingestuft sind. Auch dann wird die Mitarbeiterzahl nicht automatisch angepasst. Es wird meist versucht, mit dem vorhandenen Personal auszukommen beziehungsweise billigere Arbeitskräfte (etwa Heimhilfen statt Fachsozialbetreuerinnen) zu beschäftigen - und das oft mit reduzierter Fixstundenzahl.

Brigitte Hellebrand (59) ist Seniorenbetreuerin. - © Reza Sarkari / http://fotografwien.at
Brigitte Hellebrand (59) ist Seniorenbetreuerin. - © Reza Sarkari / http://fotografwien.at

Dafür müssen die Mitarbeiter oft kurzfristig einspringen, es kommt zu erheblichen Überstunden, und manche Beschäftigte haben dadurch wochenlang kein Wochenende frei. Dies führt dazu, dass einerseits die Belegschaft überfordert und ausgelaugt ist, andererseits den Bewohnerinnen und Bewohnern meist nur die Basisbetreuung (Körperpflege, medizinische Versorgung) geboten werden kann. Die ebenso lebensnotwendige Sozialbetreuung soll "nebenbei" mitlaufen, was aufgrund der geschilderten Situation unmöglich ist.

Es reicht oft nur für die Basisbetreuung. - © apa / Helmut Fohringer
Es reicht oft nur für die Basisbetreuung. - © apa / Helmut Fohringer

Muss ein Bewohner aus gesundheitlichen Gründen auf die Bettenstation übersiedeln, verliert er die Bezugspersonen. Oft ist kein Arzt im Haus, oft (vor allem nachts) nicht einmal eine diplomierte Krankenschwester. Das Pflegepersonal muss, will es nicht seine Kompetenzen überschreiten, bei einem medizinischen Fall die Rettung anrufen. Im Zweifelsfall auch bei "Kleinigkeiten". Die betroffenen Bewohner werden dann mit der Rettung in eine Spitalsambulanz zur Untersuchung gebracht und oft am selben oder am nächsten Tag wieder ins Heim zurückgeführt. Das ist für die betroffenen Bewohner sehr belastend und verursacht dem Gesundheitssystem hohe Kosten.

Einsparen, wo es nur geht

Bewohner werden oft auch zum Sterben ins Spital gebracht, wegen des Personalnotstands, um Kosten für das Heim zu sparen, um sich rechtlich im Todesfall abzusichern und um die Statistik des Heims zu verbessern (indem der Bewohner im Spital und nicht im Heim verstorben ist). Auch das ist für die betroffenen Bewohner und deren Angehörige ein unwürdiger Vorgang. In privaten Einrichtungen ist die Situation oft noch schlimmer, da diese gewinnorientiert arbeiten und hinter den Hochglanzprospekten und tollen Websites gespart wird, wo es nur geht. Es ist daher dringend erforderlich, den Personalstand an den tatsächlichen Bedarf anzupassen, um eine menschenwürdige Betreuung der Bewohner und ebensolche Beschäftigung für Mitarbeiter zu gewährleisten.

Als kurzfristigste Maßnahme sollten geeignete Arbeitssuchende die freiwillige Möglichkeit einer bezahlten Mitarbeit in solchen Einrichtungen bekommen. Außer der Bereitschaft und Einfühlungsvermögen genügen fürs Erste kurze Schulungen (etwa Validation für den Umgang mit Dementen), um eine solche Aktion zu starten. Statt Arbeitslosengeld bekämen diese neuen Mitarbeiter ein Gehalt, würden Versicherungszeiten sammeln und eine erfüllende Beschäftigung finden. Freiwilligkeit ist, wie gesagt, Voraussetzung, ebenso die Rückkehr zum AMS, falls der Beschäftigte mit der Tätigkeit nicht klarkommen sollte. Damit würde das vorhandene Personal sofort entlastet.

Ärzte beziehungsweise zumindest diplomierte Krankenschwestern sind 24 Stunden vor Ort zu beschäftigen. Dies erspart den Bewohnern viel Aufregung und verringert die Kosten für Rettungseinsätze und Fahrten in Spitalsambulanzen. Da die Pflegeeinrichtungen die Mehrkosten nicht stemmen können, sind staatliche Förderungen erforderlich. Diese Kosten könnte der Staat an anderer Stelle wieder einsparen (siehe oben). Auch wenn die Mehrkosten auf den ersten Blick trotzdem überwiegen sollten, ist zu berücksichtigen, dass zufriedene, ausgeglichene Menschen gesünder sind und das Gesundheitssystem wiederum entlastet würde (dies betrifft die Bewohner ebenso wie die Belegschaft der Seniorenheime).

Längerfristig sind die Betreuungsangebote für Senioren nach dem dänischen Modell auszuweiten, um Pflegefälle zu vermeiden beziehungsweise so lange wie möglich hinauszuzögern. Auch hierfür könnten Arbeitslose zur freiwilligen Unterstützung herangezogen werden. In unserer Gesellschaft gibt es viele fähige und willige Menschen, die sich gerne einbringen, wenn sie dafür angemessen bezahlt werden. Für den Staat stellt diese Bezahlung hauptsächlich eine Umschichtung der Mittel dar, was für den Zweck mehr als gerechtfertigt ist. Sowohl finanziell als auch als soziale Gesellschaft.