Hat das, was wir gemeinhin die westliche Welt nennen, eine Art historische Klimaschuld auf sich geladen, die es nun abzutragen gilt, indem der Westen die Hauptlast - in finanzieller, aber auch technologischer Hinsicht - trägt, wenn es in den nächsten Jahrzehnten darum geht, den globalen CO2-Ausstoß zu reduzieren? Das klingt zwar irgendwie arg an den Haaren herbeigezogen, wird aber vor allem von Vertretern der erst jüngst industrialisierten Staaten immer öfter vorgetragen und von der hiesigen Klimaschutzbewegung gerne aufgegriffen.

Rein numerisch ist das Argument durchaus valide. Nimmt man die Zeit seit Beginn der Industrialisierung her, haben Staaten wie die USA oder auch Europa in Summe - und das ist der Punkt: in Summe - viel mehr klimaschädliche Abgase emittiert als etwa China, das heute in dieser Disziplin führend ist. Daraus kann man natürlich, wiederum rein rechnerisch, den Schluss ziehen, der Westen müsse sich noch viel stärker einschränken, während die neu industrialisierten Staaten noch einiges an CO2 emittieren dürften, bevor alle gleich viel (oder gleich wenig) zu diesem Problem beigetragen haben.

Für all jene im Westen, die den Klimawandel als Vorwand nehmen, eine Unkultur der Entsagung, des Konsumverzicht und der Verbote zu etablieren, ist das natürlich ein gefundenes Fressen. Wenn der Westen diese Klimaschuld wirklich hat, lässt sich das alles viel leichter durchsetzen.

Bei gesamthafter Betrachtung fällt dies freilich in sich zusammen wie ein lauer Herbstnachmittag bei Ankunft eines Nordsee-Tiefs. Denn dieser Vorwurf lässt völlig außen vor, dass die Industrialisierung des Westens zwar möglicherweise schädlich fürs Klima war, auf der anderen Seite aber das Fundament für den wachsenden Wohlstand im Rest der Welt bildete. Ohne diese Industrialisierung gäbe es nämlich all jene Errungenschaften der Zivilisation nicht, von denen bis heute die ganze Welt profitiert, von Pharmazeutika über moderne Verkehrsmittel bis hin zur Versorgung mit Strom und Information.

Würde man der absurden Logik jener folgen, die eine Klimaschuld des Westens behaupten, könnte man in einer Gegenrechnung eine Industrialisierungsschuld der nicht-westlichen Welt behaupten. Das wäre zwar genauso bizarr, in dieser Denkweise aber durchaus konsistent.

Erstaunlich wenig Beachtung findet in der aktuellen Klimadebatte hingegen ein anderes Ungleichgewicht zwischen dem Westen und weniger entwickelten Teilen der Welt: die dortige ungebremste Bevölkerungsexplosion und deren langfristige Folgen für den Klimawandel. Denn dass viel mehr Menschen viel mehr CO2 emittieren, ist trivial; ganz besonders dann, wenn diese Menschen irgendwann genauso komfortabel wie jene im Westen leben wollen, was ja wohl ihr gutes Recht ist. Würde es gelingen, etwa in Afrika zwar den Wohlstand anzuheben, aber gleichzeitig auch das Bevölkerungswachstum so effizient zu bremsen, wie das in China gelungen ist, wäre das ein substanzieller Beitrag zum Klimaschutz - und gleichzeitig zur nachhaltigen Entwicklung des Schwarzen Kontinentes.