Als deutscher Diplomat empfinde ich nicht nur eine besondere Verantwortung für das Bild meines Landes im Ausland, sondern auch für die Anerkennung und Schönheit der deutschen Sprache. Zu meiner Freude entdeckte ich kurz nach Ankunft auf meinem Posten in Österreich einen deutschen Begriff, mit dem ich ein Fremdwort ersetzen konnte: den Auskenner. In Deutschland hatte ich das Wort nie gehört, dabei hätte es durchaus das Potenzial, so dachte ich, die Expertin zu verdrängen.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Nach zweieinhalb Jahren muss ich einräumen, dass weder die Auskennerin noch der Auskenner es in meinen aktiven Wortschatz geschafft haben. Aber so ganz schlecht ist es um meine Lernfähigkeit doch noch nicht bestellt. Ein paar Ausdrücken und Redensarten kann ich mich nicht entziehen, und will es auch nicht.

Meine beiden liebsten sind diese: "Das schau ich mir an." Für Deutsche sagt diese Formulierung eigentlich nur das Offensichtliche. Sie beschreibt einen Vorgang: Man schaut sich einen Film an oder eine Handlung. Im Österreichischen, so habe ich schmerzhaft erfahren, lässt die Redensart ebenfalls wenige Fragen offen, nur anders als im Deutschen: Der Zweifel dringt aus jedem Buchstaben, im Sinne von: "Das wird wohl nichts." Sag das doch gleich, würden Deutsche sagen. Wenn sie es verstünden. Ich ertappe mich immer häufiger dabei, diese Formel zu verwenden. Genau wie die zweite (die allerdings für Deutsche auch leichter verständlich ist): "Das geht sich nicht aus." Ein Satz wie gemacht für sorgenfreie Entschuldigungen. Keiner handelt, niemand ist schuld, die Dinge verlaufen, gelegentlich im Sande. Kein Grund zum Streit! Es geht sich einfach nicht aus. Für Diplomaten ist das natürlich fantastisch. Ein Satz wie eine Tapetentür, hinter der Dinge passieren, oder auch nicht. Für mich als Deutschen eine klare Bereicherung.

Aber nicht jeder Austriazismus dient der deutsch-österreichischen Freundschaft. Als Substantiv mag der Auskenner eine willkommene Abwechslung zum Experten sein, als Verb ist das Wort jedoch mit Vorsicht zu genießen, vor allem in dieser Form: "Ich kenn mich aus." Probieren Sie das mal: Bitten Sie einen deutschen Freund, Ihnen ein naturwissenschaftliches Problem zu erklären, oder noch besser: Fragen Sie einen Deutschen nach dem Weg. Und nach dem Ende seiner Erläuterung sagen Sie nickend: "Ich kenn mich aus." Gut möglich, dass der Deutsche etwas ungehalten wird. Denn was in Österreich heißt: "Ich habe verstanden", bedeutet in Deutschland: "Ich weiß Bescheid" - und damit indirekt: "Ich wusste es längst." Versuchen Sie dann zu erklären, wie das eigentlich gemeint war. Das schau ich mir an.