In Krisenzeiten besteht die Gefahr, Ängste, Frustrationen und Wut auf Sündenböcke abzulenken. Das erleben wir derzeit auf beunruhigende Weise. Unsere Gesellschaften befinden sich seit geraumer Zeit in einem Mahlstrom sich beschleunigender Krisen: Finanzcrashs, zunehmende soziale Spaltung, die Pandemie und vor allem der drohende Klima- und Biosphärenkollaps.

Die Ursachen dafür sind komplex und reichen letztlich tief in die Fundamente unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems hinein, das ohne endlose Expansion, ohne permanentes Wachstum nicht existieren kann. Diese Expansion trifft inzwischen auf spürbare Grenzen - damit gerät auch die große Erzählung vom Fortschritt ins Wanken, die für westliche Gesellschaften über Jahrhunderte prägend war. Eine ganze Zivilisation ist in ihren Grundfesten erschüttert.

Fabian Scheidler ist freischaffender Autor für Printmedien, TV, Theater und Oper sowie Mitgründer des unabhängigen Fernsehmagazins "Kontext TV", das sich globaler Gerechtigkeit widmet. Sein Buch "Das Ende der Megamaschine" wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien "Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen".  (https://fabian-scheidler.de). 
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Fabian Scheidler ist freischaffender Autor für Printmedien, TV, Theater und Oper sowie Mitgründer des unabhängigen Fernsehmagazins "Kontext TV", das sich globaler Gerechtigkeit widmet. Sein Buch "Das Ende der Megamaschine" wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien "Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen".  (https://fabian-scheidler.de).

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Die enormen Verunsicherungen und Ängste, die daraus resultieren, schaffen eine explosive Lage. Besonders gefährlich wird es, wenn Politiker dazu übergehen, bestimmte Gruppen der Gesellschaft für die Krise verantwortlich zu machen - und damit der Bevölkerung eine Projektionsfläche für ihre Ängste, ein Ventil für ihre Wut bieten. Die Beispiele in der Geschichte sind Legion. Zuletzt erlebten wir es mit dem Schüren von Ressentiments gegen Muslime und Geflüchtete und dem Aufstieg rechter Demagogen.

Das Prinzip ist altbekannt: Man definiert eine Fremdgruppe (zum Beispiel aufgrund biologischer Merkmale), die man als Gefährder, als Angreifer, als Schuldige brandmarkt. So können die Konflikte und Widersprüche in der In-Group ausgeblendet und auf den Kampf gegen einen äußeren Feind verlagert werden.

Und nun in der Pandemie, da die bisherigen Impfungen Corona nicht hinreichend eingedämmt haben, rückt eine neue Gruppe als Gefährder in den Fokus: die Ungeimpften. Obwohl führende Virologen wie Christian Drosten darauf hinweisen, dass die Rede von einer "Pandemie der Ungeimpften" falsch ist, weil auch Geimpfte das Virus übertragen und der Impfschutz schnell nachlassen kann, schüren Spitzenpolitiker damit die gesellschaftliche Polarisierung und bedienen das Sündenbockmuster. Jüngst forderte in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" ein Kolumnist gar: "Die Gesellschaft muss sich spalten!" In Teilen der Öffentlichkeit macht sich eine Stimmung breit, die an die McCarthy-Ära in den USA der 1950er Jahre erinnert.

Klimachaos bremsen, Krankenhäuser ausbauen

Es ist höchste Zeit, die Selbstzerfleischung der Gesellschaft zu beenden, nicht nur weil sie unwürdig und gefährlich ist, sondern auch, weil wir es jenseits der Pandemie mit einer viel größeren Aufgabe zu tun haben, die ohne breite gesellschaftliche Kooperation nicht zu bewältigen ist. Wir stehen unmittelbar vor entscheidenden Kipppunkten im Klimasystem, darunter dem drohenden Kollaps des Amazonas-Regenwaldes, dem Abtauen der Permafrostböden sowie dem Schmelzen der Eismassen in Grönland und der Westantarktis.

Werden diese Punkte überschritten, treten unaufhaltsame Kettenreaktionen in Gang, die weite Regionen der Erde unbewohnbar machen werden. Wir haben schlicht keine Zeit für weitere Grabenkämpfe. Stattdessen brauchen wir endlich integrierte Konzepte, um die verschiedenen Krisen an der gemeinsamen Wurzel zu packen. Stichwort Klima und Gesundheit: Die Schwächen unseres Gesundheitssystems nach Jahrzehnten des Kaputtsparens und der Privatisierung sind in der Pandemie offensichtlich geworden. Hier gibt es viel zu tun. Zugleich brauchen wir für eine Klimawende eine massive Verschiebung öffentlicher Investitionen und Subventionen: weg von destruktiven Branchen wie Auto, Flugzeug und industrieller Landwirtschaft hin zu Gesundheit, Bildung, Kultur, ökologischem Landbau und dezentraler erneuerbarer Energie in Bürgerhand.

Der IWF hat jüngst berichtet, dass die Subventionen für fossile Energien im vorigen Jahr sogar noch gestiegen sind, weltweit auf unvorstellbare 5,9 Billionen Dollar. Würde man dieses Geld stattdessen in die zukunftsfähigen Branchen stecken, könnten wir sowohl das Klimachaos bremsen als auch die Kapazitäten von Krankenhäusern für Pandemiefälle massiv erhöhen. Von Triage müsste keiner mehr reden.

Das Ganze ließe sich auch mit einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit verbinden: gute Arbeitsbedingungen, Löhne und Personalschlüssel für die wirklich systemrelevanten Tätigkeiten. So könnte man auch viele Menschen, die aus Furcht vor ökonomischen Nachteilen der Klimawende skeptisch gegenüberstehen, mitnehmen. Und man würde endlich wieder eine gemeinsame Zukunft anbieten. Laut einer aktuellen Studie unter Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in zehn Ländern glauben mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Menschheit dem Untergang geweiht sei. Gegen diese dystopische Grundstimmung brauchen wir statt weiterer Spaltungen vereinende Projekte für eine lebenswerte Zukunft.