Aus dem Corona-Dilemma werden wir wohl nur herauskommen, wenn wir einer zu simplen Weltsicht von Impfgegnern nicht selbst mit Simplifizierungen antworten. Zunächst sollten wir wohl aufhören, ihnen ständig die Spaltung der Gesellschaft vorzuwerfen und diese damit erst heraufzubeschwören. Eine Demokratie muss auch mit der Tatsache umgehen können, dass es sehr divergente Ansichten gibt.

Werner Wintersteiner ist Gründer und ehemaliger Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Buchtipp: "Die Welt neu denken lernen" (transcript, open access, 2021). 
- © WW

Werner Wintersteiner ist Gründer und ehemaliger Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Buchtipp: "Die Welt neu denken lernen" (transcript, open access, 2021).

- © WW

Und es sind auch nicht alle Impfgegner gleich: Da gibt es Impfverweigerung aus Angst vor gesundheitlichen Folgen; als Ausdruck einer Weltanschauung der "natürlichen Lebensweise" oder der Selbstbestimmung gegen staatliche Willkür bis hin zu einer grundsätzlichen Ablehnung des Staates; als magisches Denken - was ich nicht wahrhaben will, wird auch nicht wahr sein; aus Egoismus und Gleichgültigkeit gegenüber anderen (letztlich die Verkörperung der Werte des Neoliberalismus, der bei uns doch Staatsdoktrin zu sein scheint). Aber es gibt auch jene, die Impfverweigerung als eine der wenigen Möglichkeiten sehen, selbst einmal eine (politische) Entscheidung zu fällen und nein zu sagen.

Doch was treibt die Impfgegner an, so massenhaft und hartnäckig auf die Straße zu gehen? Woher diese Dynamik? Ich behaupte, dass wir die Ursachen der Proteste nicht nur in der Corona-Kritik suchen dürfen. Vielmehr wird Corona immer mehr zum "Container" für eine allgemeine Unzufriedenheit, zum Symbol für soziale Ungerechtigkeit, Demokratiedefizite, Angst vor sozialem Abstieg und das Gefühl mangelnder Anerkennung. Es findet eine Verschiebung von den großen, unlösbar scheinenden gesellschaftlichen Problemen zu einem vergleichsweise einfachen und lösbar scheinenden Problem - der Corona-Politik der Bundesregierung - statt. Das ist ein sozialpsychologischer Mechanismus, den schon der Soziologe Zygmunt Bauman beschrieben hat, am Beispiel der "Verschiebung" des Protests gegen die negativen Folgen des Neoliberalismus auf den Protest gegen die Migranten, die dadurch zu Sündenböcken wurden.

Daher reicht es nicht, für die Impfung zu werben. Wir können den Unzufriedenen und Beleidigten ihre Emotionen nicht ausreden, aber wir können vielleicht erreichen, dass sie früher oder später selbst andere Prioritäten setzen; zumindest jene, die bereit sind, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.

Ich schlage also vor, verschiedene und durchaus widersprüchliche Maßnahmen zu ergreifen: Widerstand gegen die Rechtsradikalen; Dialog über die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen, vor allem das Impfen, und zwar aus gesamtgesellschaftlicher Solidarität; Dialog nicht nur als staatliche TV-Propaganda, sondern im Lokalen, im Nachbarschaftlichen, im Alltag. Es braucht aber auch die Herausforderung an die Protestierenden, gegen die wirklichen Probleme aufzutreten: Sind sie bereit, für die Anliegen der "Fridays for Future" auf die Straße zu gehen oder gegen die Diskriminierung von Flüchtlingen und Migranten? Setzen sie sich für das völlig überforderte Gesundheitspersonal ein? Mit solchen Zumutungen würde sich wohl rasch die Spreu vom Weizen trennen. Aber auch wir Impfbefürworter würden wohl lernen, manches Pauschalurteil über unsere Gegenüber aufzugeben.