Haben Sie vergangenes Jahr über Oprah Winfreys Interview mit Prinz Harry und seiner Frau Meghan gelesen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn es hat in Online-Medien mehr als 360.000 Berichte darüber gegeben. Aber hungernde Frauen und Kinder in Sambia? Haben Sie darüber etwas erfahren? Die meisten von uns wohl nicht. Über die mehr als 1,2 Million Menschen in Sambia, die unter akuter Ernährungsunsicherheit leiden, gab es gerade einmal 512 Veröffentlichungen. Das wissen wir so genau, weil Care nun bereits zum sechsten Mal den Report "Suffering in Silence" (inside.care.at/sis) erstellt hat. Auf der Basis einer internationalen Medienanalyse werden darin die zehn Krisen des Jahres 2021 gelistet, die am wenigsten Aufmerksamkeit erhalten haben.

Für humanitäre Organisationen wie Care ist es eine besondere Herausforderung, in diesen "vergessenen" Ländern Nothilfe zu leisten. Mit der fehlenden Berichterstattung geht zumeist auch eine geringe finanzielle Unterstützung einher. Dadurch fehlt es jedoch am wichtigsten - nämlich an konkreter Hilfe für die betroffenen Menschen vor Ort. Um eine Auswahl aus der enormen, rund um die Uhr verfügbaren Berichterstattung zu treffen, konzentrieren sich bei der Mediennutzung die meisten auf das, was ihr Leben unmittelbar betrifft. Die Coronavirus-Pandemie dominiert weiter die Nachrichtenlage. Das Fass an Negativnachrichten ist damit ständig am Überlaufen.

Andrea Barschdorf-Hager ist Geschäftsführerin von Care Österreich. 
- © Care

Andrea Barschdorf-Hager ist Geschäftsführerin von Care Österreich.

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Jede und jeder von uns beeinflusst mit seinem beziehungsweise ihrem Medienkonsum maßgeblich, worüber wie viel veröffentlicht wird. Denn noch nie zuvor konnte man das Medienverhalten so genau messen. Wieso interessiert sich die Gesellschaft mehr für Society-Themen als für humanitäre Krisen? So entsteht ein ausgeprägtes Ungleichgewicht, wie es im Vergleich der Berichterstattung über das Interview von Harry Meghan und den deutlich geringeren Erwähnungen der Not in Sambia zu sehen ist.

Neuer Höchststand:
274 Millionen Hungernde

Auf der Liste der vergessenen Krisen im Care-Bericht "Suffering in Silence" finden sich mit Malawi, Burundi, Niger und Simbabwe weitere Länder in Afrika, die auch stark unter den Folgen des Klimawandels leiden. Wo nach Wetterextremen Ernten ausfallen, breitet sich Hunger weiter aus. Die Zahl jener Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen, ist für das heurige Jahr 2022 mit prognostizierten 274 Millionen auf einem neuen Höchststand.

"Junge Menschen machen sich immer mehr Gedanken über die Klimakrise und humanitäre Not", berichtet Omar Bizo, Leiter einer lokalen Hilfsorganisation in Niger, mit der Care zusammenarbeitet. "Sie wünschen sich auch Ansätze, die Hoffnung und Lösungen bringen, was sicherlich nicht immer möglich ist, aber den Versuch erfordert, den Blickwinkel der Berichterstattung zu erweitern."

Im Bemühen, diesem Anspruch gerecht zu werden, liegt eine Chance. Betroffene sollen selbst zu Wort kommen. Ihr Leid soll nicht totgeschwiegen werden, nur weil sich ungleich mehr Menschen lieber mit den Olympischen Spielen beschäftigen. Die Menschen in den Ländern der vergessenen Krisen sollen gehört werden und die so dringend benötigte Hilfe erhalten.