Es war eine Reise ohne Wiederkehr. Dabei sah alles ein Jahr zuvor sehr gut aus. Am 31. Dezember 1977 besuchte US-Präsident Jimmy Carter mit Gattin Rosalynn den Iran. Carter bezeichnete den Iran als "Insel der Stabilität in einer der turbulentesten Gegenden der Welt". Kein US-Präsident hatte je ein Staatsoberhaupt derart in den Himmel gelobt. Er kenne kein Staatsoberhaupt, dem er mehr zu Dank verpflichtet wäre, so Carter. Kein US-Präsident hatte bis dahin den Jahreswechsel in einem fremden Land gefeiert. Carter verbrachte Silvester im Iran und ließ einen überheblichen Monarchen zurück.

Behrouz Khosrozadeh ist Politologe iranischer Herkunft und Lehrbeauftragter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Er hat als einer von 246 Länderexperten am Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung mitgewirkt. Zuletzt hat er mit Mandy Lüssenhop und Savanh Smith das Buch "Iran: Der Destabilisator - 41 Jahre Islamische Republik, wie lange noch?" herausgebracht. - © privat
Behrouz Khosrozadeh ist Politologe iranischer Herkunft und Lehrbeauftragter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Er hat als einer von 246 Länderexperten am Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung mitgewirkt. Zuletzt hat er mit Mandy Lüssenhop und Savanh Smith das Buch "Iran: Der Destabilisator - 41 Jahre Islamische Republik, wie lange noch?" herausgebracht. - © privat

Nur sechs Tage danach ließ Schah Mohammad Reza Pahlavi in der größten iranischen Zeitung, "Ettelaat", einen Artikel veröffentlichen, in dem der noch im Exil weilende Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini mit wüsten Beleidigungen belegt wurde - eine gefährliche und unnötige Provokation. Der Lastwagen, der die "Ettelaat" in die heilige schiitische Stadt Qom bringen sollte, erreichte die Stadt nicht, sondern wurde vor ihren Toren in Brand gesteckt. Proteste der Mullahs in Qom ließ der Schah brutal niederschlagen. Mehrere Personen starben.

Silvester 1977 feierte US-Präsident Jimmy Carter (l.) mit dem Shah - danach ließ er ihn fallen. - © getty / HUM Images / Universal Images Group
Silvester 1977 feierte US-Präsident Jimmy Carter (l.) mit dem Shah - danach ließ er ihn fallen. - © getty / HUM Images / Universal Images Group

Traditionell gedenken die Schiiten am 7. und 40. Tag nach einem Todesfall des Verstorbenen. Jeder Gedenktag wurde damals zu einem Massenprotest, der sich schnell auf andere Städte ausweitete. Die Carter-Administration bekundete zwar weiterhin ihren Beistand für den Schah, versuchte ihn aber gleichzeitig zu Reformen zu bewegen. Der Spagat des Weißen Hauses zwischen Unterstützung und Druck, zwischen Macht- und Menschenrechtspolitik, und der Streit über die Iran-Politik zwischen Außenminister Cyrus Vance und dem Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski irritierten und lähmten den Schah. Im August 1978 zeigte er im iranischen Fernsehen Verständnis für den Volksaufstand und bat um eine Chance zur Wiedergutmachung. Er bekam sie nicht. Es war zu spät.

Carters Besuch war nicht die Ursache der Revolution. Doch von jenem Tag an machte der Schah alles falsch, was er falsch machen konnte. Vor dem beleidigenden "Ettelaat"-Artikel am 7. Jänner 1978 war der Name Ayatollah Khomeinis den meisten Iranern keineswegs geläufig. Der Schah versuchte sich zu halten, indem er ständig seine Regierung auswechselte. Binnen sechs Monaten erlebte der Iran drei Kabinette, darunter eine Militärregierung. Doch der politische Spielraum schrumpfte immer mehr. Zeigte der Schah Härte, brachte er die Massen noch mehr gegen sich auf. Machte er Konzessionen, wurde dies als Schwäche verstanden, was wiederum die Revolutionäre ermutigte. Am 16. Jänner 1979 ging der Schah schließlich ins Exil, und Ayatollah Khomeini kehrte am 2. Februar in den Iran zurück. Zehn Tage später hatte die Revolution gesiegt.

Für die Älteren und die Revolutionsgeneration ist die Schnelligkeit des Sieges der iranischen Revolution bis heute nicht nachvollziehbar. Selbst der Revolutionsführer Khomeini glaubte ein paar Monate zuvor nicht an den Sieg. Der Entwicklung des Iran wäre die Fortdauer der Monarchie jedenfalls besser bekommen. Diese war vor ihrem Ende zu tiefgreifenden Reformen bereit. Die letzte Regierung hatte Pressefreiheit gänzlich eingeführt, den Geheimdienst Savak aufgelöst und alle politischen Gefangenen freigelassen.

Wirtschaftlicher Niedergang nach der Revolution

Die iranische Auslandsopposition hatte dämonisierende Gerüchte verbreitet, wonach es zehntausende politische Gefangene gäbe - tatsächlich waren es weniger als dreitausend. Tausende sollten allein beim Massaker auf dem Teheraner Jaleh-Platz am 8. September 1978 getötet worden sein - heute wissen wir, dass laut offizieller Statistik der Märtyrer-Stiftung, einer Revolutionseinrichtung, von 1941 bis zum Sieg der Revolution im Februar 1979 insgesamt 3.164 Menschen Opfer des zweiten Pahlavi-Schah geworden sind. Diese Zahl hat die Islamische Republik schon in ihren ersten drei Jahren übertroffen. Ja, auch der Schah unterdrückte politische Freiheiten und ließ politischen Gefangenen foltern, aber die Monarchie im Iran zählte nicht zu den brutalsten Despotien der Welt. Und der Iran war ökonomisch-industriell der fortschrittlichste Staat Westasiens. Ende 1977 war das BIP um 26 Prozent höher als jenes der Türkei und übertraf das BIP Südkoreas sogar um 65 Prozent. Zum Vergleich: 2017 betrug das nominale BIP der Türkei das 2,4-Fache und jenes Südkoreas das 7,2-Fache des iranischen BIP. Die iranische Währung Rial gehörte noch 1978 zu den 16 starken "Weltwährungen". Heute zählt sie zu den weltweit wertlosesten. Mit einem iranischen Reisepass konnte man vor der Revolution viele Staaten, darunter etliche westeuropäische, ohne Visum bereisen. Heute gehört er zu den nutzlosesten der Welt.

Während die Linken und die Islamisten im Land den Schah als Marionette der USA titulierten, erachteten Weltpolitiker ihn als ein mächtiges, einflussreiches Staatsoberhaupt. Die rational-pragmatische Regionalpolitik der iranischen Monarchie war jedenfalls vorbildlich. Der Schah hatte gute Beziehungen zu den Arabern, war aber auch ein Freund Israels und des Westens. Der Monarch unterstützte den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat finanziell und diplomatisch sowohl im Oktober-Krieg als auch bei seinem Friedensvorhaben mit Israel. So war nicht eine arabische Hauptstadt, sondern Teheran der erste Adressat Sadats für Beratungen über diesen historischen Schritt.

Vom Stabilisator zum Destabilisator in Nahost

So gesehen fungierte der Iran als Stabilisator des Nahen Ostens. Diese Situation drehte sich nach der Revolution um 180 Grad. Das in der Verfassung verankerte Projekt "Export der Revolution" und der fast tägliche Aufruf zur Vernichtung Israels verwandelten den Iran zum Destabilisator in der Region. Islamistisch-fanatische Parteien und Milizen schossen in der Region wie Pilze aus dem Boden. Der Iran ist heute der größte Promoter der sektiererisch-fanatisch-terroristischen Milizen rund um den Nahen Osten. So zählt auch die libanesische Hisbollah zu den Schöpfungen der Mullahs.

Im Inneren haben die Iraner in ihrer neuzeitlichen Geschichte kaum eine derartige Erniedrigung und ein solches Elend erlitten. Während US-Dollar an Bashar al-Assad in Syrien und die Hisbollah im Libanon geflossen sind sowie ein kostspieliges und gefährliches Atomprogramm vorangetrieben wurde, ist die eigene Bevölkerung in Armut und Elend versunken. Gesellschaftspolitische Unterdrückung, zu der auch öffentliche Hinrichtungen am Kran, das Abhacken von Händen und Füßen in der Öffentlichkeit sowie Auspeitschungen gehören, ist an der Tagesordnung. Die fanatischen Mullahs erwiesen sich als Albtraum für den Iran.

Die beiden prominenten Wirtschafts- und Politikwissenschafter Daron Acemoglu (MIT) und James A. Robinson (Harvard) vertreten in ihrem Buch "Warum Nationen scheitern" unter anderem die These, dass der Erfolg oder das Scheitern der Nationen von deren Verhalten an entscheidenden Wendepunkten ihrer Geschichte abhänge. Übertragen auf den Iran trifft dies sowohl auf die Herrschenden als auch auf die Oppositionellen zu, jedoch mit dem Unterschied, dass die herrschende Elite, die Pahlavis, Fortschritt und Modernisierung mit einer vergleichsweise guten Bilanz vorangetrieben hatte, während der große Teil der Opposition (bis auf wenige Ausnahmen) die Bevölkerung durch diverse Verschwörungstheorien sowie durch für den Iran völlig irrelevanten Ideologien - zum Beispiel Marxismus - irreführte. In den 1970ern gab es viele Staaten der Dritten Welt, die vom Level der Entwicklung im Iran nur träumen konnten und dennoch in den meisten Fällen keine Revolution erlebten. Unter diesem Gesichtspunkt hatte der Iran ein historisches Pech.

Die Iraner bewerten den Schah heute anders als 1979

Der Schah, am Ende an Krebs erkrankt, war sichtlich konsterniert und enttäuscht vom Aufstand der Iraner gegen ihn, da er gedacht hatte, er hätte ihnen mit Fortschritt und Wohlstand gedient. Der britische Botschafter Sir Anthony Parsons schrieb später, der Schah habe bei der letzten Audienz gesagt: "Ich weiß nicht, warum sich die Leute so gegen mich gewandt haben, nach allem, was ich für sie getan habe." Der Monarch mit der offiziell fünftstärksten Armee der Welt wollte kein Blutbad anrichten, packte seine Koffer und ging. Somit überließ er den Iran den Mullahs. Diese zögerten ein Jahrzehnt später nicht, beim Massaker im Sommer 1988 binnen drei Monaten tausende politische Häftlinge hinzurichten.

41 Jahre nach seinem Tod in Kairo am 27. Juli 1980 fällen die Iraner - zermürbt vom Albtraum der Mullahs - über den Schah ein anderes Urteil als 1979. Im Vergleich der beiden Regimes überwiegen Wehmut und Nostalgie. Das gilt auch für die junge iranische Generation, die den Schah gar nicht mehr erlebt hat, aber mithilfe der modernen Kommunikationstechnologie in die Vergangenheit reisen kann und dort ein entspannt-fröhliches Volk erlebt, für das der gemeinsame Strandbesuch von Frauen im Bikini mit Kopftuch selbstverständlich war.

Trotz der teilweise populistisch heraufbeschworenen Mossadegh-Legende - 1953 hatte der Schah mit Unterstützung des CIA und Großbritanniens den demokratischen Premier Mohammad Mossadegh gestürzt - lassen bei den landesweiten Protesten im Iran zumindest beachtliche Teile der Demonstranten die Pahlavis hochleben. Auch, weil die Umstände von Mossadeghs Sturz heute wissenschaftlich differenzierter betrachtet werden und auch die Frage aufgeworfen wird, ob der Premier nicht auch selber durch fatale Fehler zu seinem Scheitern beigetragen hätte.

Ägyptens Präsident Sadat, der dem Schah 1979 Asyl gewährte, während alle anderen Freunde - auch US-Präsident Carter - ihm den Rücken kehrten, meinte nach dem Tod des Schah: "Lasst die Geschichte über Mohammad Reza Pahlavi urteilen. Ägypten wird nie den Beistand des Iran während des Krieges mit Israel 1973 vergessen."