Unter den Interviews von Regierungsmitgliedern um die Jahreswende löst eines eine besondere Neugierde aus. Dessen Titel kündigt in einer Tageszeitung im Bereich der Wirtschaftspolitik Reformen für die nächsten 15 Jahre an. Ein so langer Zeithorizont überrascht, da im politischen Tagesgeschäft eher die Kurz- als die Weitsichtigkeit Entscheidungen zu bestimmen scheint.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Um dem Inhalt dieses Interviews aufzuspüren, wird ein ungewohntes, aber nicht unübliches Experiment gewagt: Die 995 Wörter in diesem Text werden einer quantitativen Analyse unterzogen. Unter den substanziellen Bezeichnungen dominieren 25 Wörter, die einen Bezug zur Arbeit haben und von Arbeitsmarkt bis zu Zuverdienst reichen. Dazu zählen die Worte Arbeitgeber, Arbeitsplatz, Arbeitslosenzahlen, Arbeitslosengeld, Kurzarbeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Nettoersatzrate und Sozialhilfe.

Sieben Wörter stehen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und deren Bekämpfung, wie die Corona-Job-Offensive. Dann wird es dünn bei den Wörtern mit inhaltlichen Bezügen: zweimal findet sich das Wort Qualifikation, nur einmal das Wort Zukunft. Aus diesen quantitativen Indikatoren erschließen sich die Umrisse der Storyline dieses Interviews. Als vordringliches Problem der Wirtschaftspolitik wird der Arbeitsmarkt identifiziert, der mit den Covid-Hilfsprogrammen gestützt wird. Dann soll ein Vorschlag für eine Reform der Arbeitslosenversicherung vorgelegt werden. Weiters sollen Schritte zur Behebung des Fachkräftemangels gesetzt werden. Von diesen Reformen wird im Interview explizit eine Wirkung bis zu den nächsten 15 Jahren erwartet.

Diese Storyline soll nicht infrage gestellt werden. Ihr Entstehen ist vermutlich durch die außergewöhnliche Situation der Corona-Pandemie erklärbar. Jedoch soll an Inhalte erinnert werden, für die kein Vokabular aufscheint. Das Interview enthält keinen Bezug zur Neuausrichtung der EU mit deren umfassenden Reformplänen unter der Bezeichnung eines European Green Deal. Dahinter steckt die Fundierung eines Wirtschaftsstils, der für mehr Wohlstand eine ressourcenschonende Wirtschaft mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit anstrebt.

Es überrascht nicht, dass im Interview auch nicht das Wort Klima auftaucht. Diese Materie ist - trotz der starken Aussagen dazu im Regierungsprogramm - noch nicht im Alltags-Wortschatz der Wirtschaftspolitik angekommen. Diese Klima-Lücke im wirtschaftspolitischen Vokabular könnte akzeptiert werden, wenn es innerhalb der Regierung einen Konsens zur Orientierung am European Green Deal gäbe, dem Österreich in der EU zugestimmt hat. Mit den Intentionen dieser innovativen EU-Strategie wären weitgehend auch die Intentionen der Klimapolitik abgedeckt.

Für einen zukunftsfähigen Arbeitsmarkt könnten zusätzliche Vokabel Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit geben. Beispiele wären aus der Pandemie-Erfahrung sichtbar gewordene Reorganisationen der Arbeitsprozesse, das Überdenken der globalen Wertschöpfungsketten und disruptive Innovationen bei Produktion und Konsum. Sonst bleibt der Eindruck einer Wirtschaftspolitik, die mit dem Blick auf den Rückspiegel in die Zukunft steuert.