Seit dem 18. Jahrhundert sind wir in permanenten Revolutionen, beginnend mit der industriellen, gefolgt von der politischen und der psychologischen. Man sucht Sicherheiten, die man aber nicht mehr findet, weil Entwicklung so schnell vonstattengeht. Durch das hohe Tempo an Veränderungen könnte man auch meinen, man befände sich derzeit in einem Vakuum und werde immer öfter beratungsresistent ob der vielen Ratschläge. Auch die politische Klasse scheint manchmal unsicher zu sein. Es gibt sehr häufig hinzugekauften Sachverstand von außen, da Ministerien offensichtlich überfordert sind. Regierungen wirken mitunter wie Notstandsregierungen, die permanente Improvisation proben. Doch wogegen richtet sich das Revolutionäre heute? Im Normalfall will man ja etwas abschaffen, um etwas Neues zu bekommen.

Durch die rasante Verbreitung der Informationstechnologie traten wir immer mehr aus der Welt heraus, in der die Kommunikation noch fassbar war (Kommunikation von Angesicht zu Angesicht). Dieser Intensität sind wir nicht gewachsen, die Folge sind Ängste. Während wir mit dem Buchdruck leben lernten, genauso wie mit dem Auto, das integriert wurde, befinden wir uns derzeit in einer Art Synchronwelt, in der alle mit allen gleichzeitig kommunizieren können. Heute werben nicht nur Unternehmen für ihre Produkte, sondern auch Individuen für sich via Social Media, was zu permanenten Vergleichen und ständiger Gereiztheit führt.

Der Mensch im Tempo-Wahn

Wolfgang Glass ist promovierter Politologe und lebt in Wien. - © pivat
Wolfgang Glass ist promovierter Politologe und lebt in Wien. - © pivat

Der Erfolg unserer Wirtschaft hängt derzeit vom schnellen Wachstum ab, also vom Verbrauch. Jedes Jahr muss mehr produziert werden, sonst drohen Arbeitslosigkeit, der Niedergang des Pensionssystems und des Staatshaushalts. Während es noch 40 Jahre dauerte, bis mehr als die Hälfte der Bevölkerung ein Rundfunkgerät hatte, waren es 25 Jahre später beim TV-Gerät nur noch 15 Jahre - und beim Internet überhaupt nur 4 Jahre. Das Tempo hat sich also verzehnfacht. Mit dem Smartphone erleben wir einen noch nie dagewesenen Beschleunigungsschub. Roboter und Künstliche Intelligenz werden wohl noch schneller im Alltag Einzug halten, als uns lieb sein wird. Ob wir da alle mitkommen?

Die Natur jedenfalls kommt mit dem Tempo-Wahn des Menschen nicht mehr mit. Dabei ist das Problem nicht die Schnelligkeit per se. Heikel wird es, wenn sie auf andere trifft, die langsamer oder noch viel schneller sind. Biber etwa fällen seit Jahrtausenden Bäume, das ist für die Natur kein Problem. Wenn aber wir mehr Bäume fällen, als nachwachsen können, oder die Meere leer fischen, ist das ein Problem der Geschwindigkeiten.

Die Folgewirkung der materiellen Eigengeschwindigkeit der Natur und jene der technologischen menschlichen fallen auseinander. Der Tag in einem Hühnerstall dauert auch nicht mehr volle 24 Stunden. Das Kunstlicht soll den Legehennen suggerieren, dass er bereits nach 21 Stunden vorüber ist, in der Hoffnung auf mehr Eier. Mit der Schlafenszeit beim Menschen ist es ähnlich. Die Regenerierungsphasen werden immer kürzer, die Verbrauchszeit steigt. Das führt zu Schnittstellenproblemen, wo zu viele Geschwindigkeiten aufeinanderprallen.

Eine klare Lösung, wie man damit umgehen sollte, gibt es nicht. Bisher hat sich alles immer irgendwie durch wegschauen oder schönreden geregelt. Allerdings sind wir uns bereits in einer Phase, in der wir selbst in vielen Bereichen des Lebens nicht mehr daseinsbevollmächtigt sind. Wir sind schon zu abhängig von Systemen, die nur wenige begreifen, oft gerade einmal die Entwickler, während alle anderen reine Bediener geworden sind und das tun, was uns vorgesetzt wird, das dann die Norm ist. Die Probleme sind nicht mehr kompliziert, sondern komplex.

Allerdings sind wohl alle auch irgendwie süchtig nach Geschwindigkeit. Sie stimuliert und treibt uns an, und uns plagt die existenzielle Angst, dass sich eine riesige Leere vor uns auftun könnte, wenn wir einmal langsamer leben oder gar innehalten. Der Terror der Langeweile ist einer der größten Schrecken unserer Zeit. Dabei braucht es aber oftmals genau die Ruhe und auch Langeweile, damit auch wieder eine schöne Aufregung entstehen kann.

Zeit, Geld und Leben

Ein möglicher Lösungsansatz wäre, das Denken dahingehend zu ändern, dass man von "Mitwelt" statt von "Umwelt" spricht. Dadurch könnte sich der Umgang mit den anderen Systemen, Flora und Fauna, aber eben auch ganz grundsätzlichen Dingen wie die der Lebenszeit an sich ändern. Die Zeit ist schließlich ein Lebensmittel, weil wir ohne Zeit nicht leben. Das Leben ist also auch immer ein Zeitleben. Und während man Geld anhäufen kann, gibt es bei der Zeit sehr wohl ein Genug.

Zeit hat also Qualität, Geld hat es meist nicht. Durch die Akzeptanz einer Mitwelt - dass es also mehr gibt als nur den Menschen, um den sich alles zu drehen hat - kann man auch beginnen, beispielsweise das System der Ökonomie, das kein Ende kennt, mit dem System des Zeitlebens, das ein Ende hat, in Zusammenhang zu bringen.

Es geht schließlich nicht darum, Neuartigkeiten abzulehnen. Jedoch ist das Tempo, mit dem Neuerungen heute auf uns zukommen, so hoch, dass ohne ein Ändern in unserem Denken, wie letztlich vieles mit vielem zusammenhängt, sehr viele Menschen nicht mehr "mitgenommen" werden können. Wenn man sich auf die verschiedenen Geschwindigkeiten gedanklich einstellt und somit Probleme auch als solche erkennt, kann man wahrscheinlich besser agieren, als wie wenn man alles nur auf sich zukommen und sich von der Zukunft überrollen lässt.