Der kräftige große Mann rückt an der Kassa sehr nahe heran. Seine Maske baumelt ihm kaum über den Mund. In militärische Tarnfarben gekleidet, regt er sich dermaßen auf, dass eine alte Dame entrüstet das Weite sucht. Seine Begleitung kichert. In der Straßenbahn trägt ein anderer starker Held seine Bierkiste, aber keine Maske. Es fällt auf, dass bei den Demonstrationen anlässlich der Anti-Corona-Maßnahmen sehr viele gut gebaute, kräftige Kerle um die 40, 50 Jahre unterwegs sind. Ein Muskelprotz hält sogar ein Schild mit dem alten feministischen Spruch "Mein Körper gehört mir" in die Höhe.

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien, seit 2003 ständige Reporterin des "Augustin". Sie war koordinierende Redakteurin der Flüchtlingszeitschrift "Die Bunte (Zeitung)", Redakteurin für das Musikmagazin "skug" und hat gemeinsam mit Mia Zabelka und Alfred Pranzl das Shoah Memory Festival "Polska skug A radikal" organisiert und kuratiert. 
- © Lisbeth Kovacic

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien, seit 2003 ständige Reporterin des "Augustin". Sie war koordinierende Redakteurin der Flüchtlingszeitschrift "Die Bunte (Zeitung)", Redakteurin für das Musikmagazin "skug" und hat gemeinsam mit Mia Zabelka und Alfred Pranzl das Shoah Memory Festival "Polska skug A radikal" organisiert und kuratiert.

- © Lisbeth Kovacic

Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn jetzt manche Männer endlich bemerkt haben, dass körperliche Unversehrtheit wichtig ist - gut fünfzig Jahre nach der von manchen gerne bekämpften Frauenbewegung. Feministinnen prangerten etwa die damals legale Vergewaltigung in der Ehe an, konnten sich aber wohl kaum um jeden siebenten Buben, der leider laut Statistik von Missbrauch betroffen ist, kümmern.

Trotzige Kerle sind nun in Wien jeden Samstag auf Demos - ihre Kinder wohl schon aus dem Haus und selbständig, die Eltern noch fit und nicht pflegebedürftig. Gut genährte Menschen, die sich für unbesiegbar halten. Schwächere scheinen ihnen egal zu sein. Oder sind das solche mit erlerntem "Mach ich nicht"-Muster? Denn es gibt Menschen, die sind immer und überall dagegen. Diese Leute müssen ständig einen gewissen inneren Widerstand überwinden, bevor sie irgendetwas tun können. Meistens in unbewussten Vorgängen, weil die Betroffenen abspalten und verdrängen mussten, um überleben zu können. Für sie ist es daher sehr schwierig herauszufinden, warum genau man gegen diese Impfung ist.

Interessant ist aber die triumphale Haltung, sich stärker zu fühlen als der Großteil der Bevölkerung. Es fällt auch auf, dass bei bestimmten Impfgegnern immer wieder das Thema Faschismus hineinspielt. Denn diese Demonstranten sind doch die Enkel einer Generation, die sich teilweise triumphal unbesiegbar fühlte und die Vernichtung anderer Menschen in Kauf nahm. Hier sieht man wohl - individuell komplett verschieden - die starken Faschismus-Reste in der Bevölkerung. Die Nachfahren von Euthanasie-Opfern des Nationalsozialismus wissen zum Beispiel oft gar nicht, was passiert ist. Es blieb nur eine Lücke. Auch die Nachfahren von Tätern, die "medizinische Experimente" mit armen Häftlingen und KZ-Insassen durchführten, haben sich sicher noch kaum damit auseinandergesetzt, welche Auswirkungen diese Untaten auf ihr Leben haben können.

Wer auf einer Anti-Corona-Demonstration mit dem Davidstern herumläuft, sollte dringend seine eigene Familiengeschichte über die Generationen hinweg recherchieren. Eine Involvierung seiner Familie in die Vernichtung der Juden ist ziemlich wahrscheinlich. Mit 40, 50 Jahren verfügt man noch über genügend Kraft zur Verdrängung - aber in 10 bis 20 Jahren, wenn Corona Geschichte sein wird, könnte das tradierte Familienerbe diese Menschen zum Beispiel in Form anderer schwerer Krankheiten einholen.