Soll sich die katholische Kirche der Welt anpassen oder gibt es unverrückbare Glaubensinhalte und -praktiken? Die Auseinandersetzung um diese Frage fand im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) statt. Am Ende wurde entschieden, sich an Mode und Zeitgeist anzupassen. Man riskierte offenen Auges, sich von der traditionellen Lehre der katholischen Kirche zu verabschieden. Sichtbarster Ausdruck dieses glücklosen Reformkonzils ist die neue Liturgie. Sie sollte das Schaufenster der erneuerten und weltoffenen Kirche sein.

Pater Stefan Frey ist Distriktsoberer der Piusbruderschaft in Österreich, einer Priestervereinigung katholischer Traditionalisten, die das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt und seit 1975 keinen kanonischen Status in der römisch-katholischen Kirche hat. - © Piusbruderschaft
Pater Stefan Frey ist Distriktsoberer der Piusbruderschaft in Österreich, einer Priestervereinigung katholischer Traditionalisten, die das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt und seit 1975 keinen kanonischen Status in der römisch-katholischen Kirche hat. - © Piusbruderschaft

Die Kehrseite der neuen Offenheit war die Unterdrückung der bis dahin geltenden Messe. Obwohl kirchenrechtlich ganz klar geregelt ist, dass "die lateinische Messe nicht untersagt und für alle Zeiten gefeiert werden kann", gab es im Klerus und unter Gläubigen sogar die Falschmeldung, sie sei verboten. Es kam zum Bruch.

Ein Priester feiert die tridentinische Messe. Deren Verfechter Erzbischof Marcel war von 1988 bis 2009 vom Papst exkommuniziert. - © afp / A. Pizzoli
Ein Priester feiert die tridentinische Messe. Deren Verfechter Erzbischof Marcel war von 1988 bis 2009 vom Papst exkommuniziert. - © afp / A. Pizzoli

Selbst Papst Franziskus stellt das fest: Die unterschiedlichen Auffassungen über die Liturgie korrelieren mit unterschiedlichen theologischen Auffassungen. Der Vorwurf der Spaltung steht wieder im Raum. Clown-, Tier- und Spielzeugmessen sind erlaubt, aber die traditionelle Liturgie unterliegt lächerlichen und drakonischen Bedingungen. Die Weltoffenheit der Kirche scheint nur die alte Generation anzusprechen. Die Ränge der neuen Liturgie sind leer oder von einer überalterten Klientel besetzt. Das ist anders in der Tradition.

In Frankreich kommt mittlerweile ein Drittel der Berufungen aus dem Umfeld der alten lateinischen Messe. In England musste vor wenigen Tagen ein Diözesanbischof zugeben: 80 Prozent seiner jungen Priester möchten die alte lateinische Messe. In den USA erklärt ein Erzbischof, dass alle seine "Novus Ordo"-Pfarren "tot" seien. Die Pfarren hingegen, in denen die alte Messe gelesen wird, füllen sogar während der Woche mit jungen Menschen, mit Familien und mit Kindern ihre Bänke. Papst Benedikt XVI. hat dieses Phänomen einer substanziell wachsenden Anhängerschaft der alten Messe erkannt und versuchte mit einer weitgehenden Erlaubnis Frieden zu schaffen.

Der (eine Zeitlang vom Papst exkommunizierte) Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), den der Wiener Nuntius Donato Squicciarini (1927 bis 2006) "eine der größten Missionarsgestalten der Kirchengeschichte" genannt hat, lehnte die neue Messe mit ihren teils fragwürdigen Tendenzen strikt ab. Er forderte Fairness und wünschte sich, dass das "Experiment der Tradition" zugelassen werden solle.

Die von Erzbischof Lefebvre gegründete Priesterbruderschaft hat jetzt die Seelsorge an der altehrwürdigen Wiener Minoritenkirche übernommen. So wird Wien zu einem zentralen Punkt der traditionellen Erneuerung. Qualität setzt sich gewöhnlich durch. Und die alte lateinische Messe ist von erprobter und erwiesener Qualität, nicht einfach eine theologische Mode. Die römische Kurie dachte früher in Jahrhunderten. Wie sagten die Römer: "Morto un papa se ne fa un altro." Frei übersetzt: Päpste kommen und gehen, das Katholische bleibt. Die alte lateinische Messe ist nicht zeitgeistaffin. Das ist ihre Rettung.