Politische Bildung ist (wieder) in aller Munde. Das ist symptomatisch für Sorgen, die durch publik gewordene Polit-Machenschaften entstehen. Sie erinnern uns, was wir mit Politischer Bildung eigentlich vorhatten - und halten die Hoffnung auf eine Wende wach. Denn in Österreich hat das Recht auf Bildung keinen Verfassungsrang. Erst recht nicht jenes auf Politische Bildung. Fassen wir also zusammen, was oft gesagt und geschrieben, wohl aber ein ewiges Projekt bleiben wird.

Zuzana Kobesova ist am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien mit den Schwerpunkten Lernen, Kinderrechte und Menschenrechtsbildung tätig (www.kobescoaching.at). - © privat
Zuzana Kobesova ist am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien mit den Schwerpunkten Lernen, Kinderrechte und Menschenrechtsbildung tätig (www.kobescoaching.at). - © privat

Politische Bildung setzt ein politisches Selbstverständnis voraus - seitens der eigenen Selbstbeschreibung wie auch einer politischen Adressierung. Wer immer sich als politisch gebildet bezeichnet beziehungsweise als solcherart bezeichnet wird, nimmt in Anspruch, seine Ansichten nicht bloß übernommen, sondern hinsichtlich objektiver Kriterien geprüft zu haben. Meist aber wird dabei nur das Ergebnis - die Ansicht - präsentiert und vertreten. Es werden Gründe ins Treffen geführt, nicht diskutiert. Ob und unter welchen Bedingungen das, was man annimmt, zutrifft, wird ausgeblendet. Ganz zu schweigen von den Voraussetzungen, die den Anlass für diese Überprüfung dargestellt haben. Dies aber wäre der Lernprozess, in dem in Rechnung gestellt werden müsste, welche Berechtigung Meinungen haben und als wie politisch gebildet man sich bezeichnen kann und darf.

Dies meint nicht nur die Bildung, insofern man etwa umfassendes Wissen über politische Prozesse und Ereignisse vorweisen beziehungsweise diese in einen (logischen) Zusammenhang stellen kann. Vielmehr bedeutet es die Bereitschaft, dieses Wissen auf den Prüfstand zu stellen und zu riskieren, dass ein anderer recht haben könnte. Es ist ein Verzicht auf Überredungsrhetorik, auf Selbstdarstellertum und bedeutungsschwangere Machtspiele. Hat man sein Wissen und dessen Bedeutung tiefgründig geprüft, bedarf es doch keiner Hochstapelei. Im Gegenteil: Durch Konfrontation gewinnt man neue Begründungen und damit Legitimation. Ein Unterrichtsfach Politische Bildung wäre hohl, würde man politische Zurückhaltung als Teil der Persönlichkeitsbildung aussparen und sich auf das Wissbare beschränken. Die hier geschilderte Politische Bildung lässt erst spüren, welches Gewicht das Wissen hat, welcher Meinung man würdig ist, was davon sagbar, anderen zumutbar ist und welche Verantwortung damit einhergeht.

Von dieser Vorstellung ist die Politische Bildung heute weit entfernt. Als Schlagwort oft verwendet, deckt sie sich kaum mit dem eigentlichen Lernprozess. Es sind vielmehr die Währung der Glaubwürdigkeit der Person, das Signum von "schönem Schein", die uns politisch vorgelebt werden: Geltungssucht statt der Suche nach Geltung, Message Control statt der Kontrolle der Message, Fake News statt News über Fakes. Für ein Unterrichtsfach Politische Bildung mangelt es nicht an Stoff, der zu diskutieren und auseinanderzunehmen wäre. Wo, wenn nicht im Unterricht, könnte die Geltung kolportierter Meinungen aus der Distanz betrachtet, geprüft und diskutiert werden? Was bleibt: "I have a dream" auf Österreichisch verlangt nach Anstand in und Distanz zu der Sache, um politischen Diskurs zu ermöglichen.