"Es bleibt ein unumstößliches Gesetz der Geschichte, dass sie gerade den Zeitgenossen versagt, die großen Bewegungen, die ihre Zeit bestimmen, schon in ihren ersten Anfängen zu erkennen", schrieb Stefan Zweig in seiner Autobiografie "Die Welt von Gestern", bereits von Depressionen und Verzweiflung geplagt, kurz vor seinem Suizid im brasilianischen Exil. Am 22. Februar jährt sich sein Todestag zum 80. Mal. Anlass genug, um von Zweig, dem Kosmopoliten, Humanisten und glühenden Europäer, der die "fahlen Rosse der Apokalypse" durch sein Leben stürmen sah, allen voran die "Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat", zu lernen. Denn auch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt, gewisse Dynamiken ähneln sich auf erschreckende Weise. So musste Zweig mitansehen, wie die "Lüge zur Selbstverständlichkeit und die Antihumanität zum Gesetz erhoben" wurde.

Rechte Populisten und politische Agitatoren

Constantin Lager ist Politikwissenschafter und Generalsekretär des Sir-Peter-Ustinov-Instituts zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen. Daneben ist er Projektkoordinator beim strategischen Think-&-Do-Tank Shabka. - © privat
Constantin Lager ist Politikwissenschafter und Generalsekretär des Sir-Peter-Ustinov-Instituts zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen. Daneben ist er Projektkoordinator beim strategischen Think-&-Do-Tank Shabka. - © privat

Die Propaganda, die "organisierte Lüge", wie sie Zweig nannte, begegnet uns heute in Form von Fake News. Gezielte Falschinformationen sind das Mittel einer perfiden politischen Strategie rechtspopulistischer Parteien und (neo-)
faschistischer Bewegungen damals wie heute. Komplexe Herausforderungen werden schamlos ausgenutzt und Ängste instrumentalisiert, um Tausende hinter sich zu scharen und für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Die Demos gegen die Corona-Maßnahmen sind eines der jüngsten und anschaulichsten Beispiele. Verängstige Menschen, die Schilder von Frieden, Liebe und Freiheit vor sich hertragen, organisiert und aufgehetzt von rechten Agitatoren, die in den Reihen der Verunsicherten rekrutieren und radikalisieren.

Stefan Zweig um 1930. - © getty images / Three Lions
Stefan Zweig um 1930. - © getty images / Three Lions

Der Verfassungsschutz geht bereits davon aus, dass es unter den Maßnahmengegnern ein ernstzunehmendes extremistisches Potenzial gibt, das eine Gefährdung für die öffentliche Sicherheit darstellt. Das nicht rechtzeitige Erkennen-Können oder Wahrhaben-Wollen demokratiegefährdender Strömungen erkannte Zweig in seiner retrospektiven Betrachtung als einen der größten Fehler seiner Zeit. Ebenso wie der Glaube, dass das Recht unumstößlich und fest verankert sei.

Auch seine Betrachtungen zum Thema Asyl sind heute brandaktuell: "Dann standen sie an den Grenzen, dann bettelten sie bei den Konsulaten und fast immer vergeblich, denn welches Land wollte Ausgeplünderte, wollte Bettler? Man musste weiter, weiter mit Frau und Kind unter fremde Sterne, in fremde Sprachwelt, unter Menschen, die man nicht kannte und die einen nicht wollten", schrieb Zweig in seiner Autobiografie über Begegnungen mit flüchtenden Menschen in London.

Flüchtlingskonvention auf dem Prüfstand

Etwa zur selben Zeit spielte sich an der Schweizer Grenze eines der größten europäischen Flüchtlingsdramen ab. Tausende Juden, die vor dem NS-Terror zu fliehen versuchten, wurden zurückgewiesen. Sie waren "zu viele und zu anders", man hatte Angst vor einer "Überfremdung", wie es damals hieß. Für viele der zurückgewiesenen Menschen war das ihr Todesurteil. Die Erfahrungen mit flüchtenden Menschen - speziell die Zurückweisung tausender Juden - sollten 1951 eine Wende in der Flüchtlingspolitik einläuten.

Die Genfer Flüchtlingskonvention regelt seither, dass Menschen, die eine begründete Furcht vor Verfolgung haben, nicht zurückgewiesen werden dürfen. Sie ist eine historisch gewachsene zivilisatorische Errungenschaft und bis heute das wichtigste internationale Dokument für den Schutz flüchtender Menschen. Fest verankert im Rechtskonvolut europäischer Staaten, steht sie angesichts illegaler Pushbacks an Europas Außengrenzen und populistischen Renationalisierungsfantasien mehr denn je auf dem Prüfstand. Immer lauter werden die Rufe, man müsse sie überdenken, immer wackeliger diese zivilisatorische Errungenschaft in Form geltenden Rechts.

Unter dem Titel "Zwischen Morgenröte und Weltbrand. Erinnerungen an Stefan Zweig" erinnern das Peter Ustinov Institut, das International Institute for Peace und das Volkstheater am 22. Februar zu Stefan Zweigs 80. Todestag mit einer Lesung aus "Die Welt von Gestern" und einem begleitenden Vortrag an den Humanisten und europäischen Vordenker und zeigen Parallelen zu heute auf.