Gottfried Schweiger arbeitet am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg. Michael Brauer
Gottfried Schweiger arbeitet am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg. Michael Brauer

Die Olympischen Winterspiele in Peking sind vorüber. Die 15-jährige Eiskunstläuferin Kamila Walijewa hätte einer ihrer Stars werden sollen - stattdessen stand sie im Zentrum einer Kontroverse um Dopingvorwürfe, verletztes Kindeswohl, Trainingsbedingungen und die Frage, ob es nicht besser wäre, jugendliche Sportler von solchen Großereignissen auszuschließen. Der Fall Walijewa zeigt die Notwendigkeit einer breiten Diskussion um Jugendschutz im Spitzensport.

Der Schutz, den Jugendliche verdienen, ist differenziert zu betrachten, da sie zwar noch keine Erwachsenen, aber auch keine Kinder mehr sind. Jugendliche verfügen über sehr viele Fähigkeiten, darunter auch jene, sich eine Meinung zu bilden, Wünsche zu formulieren und zu äußern. Jugendliche sind aber auch noch in Entwicklung begriffen - sowohl körperlich als auch geistig und seelisch - und verletzlicher als Erwachsene. Wer sie einfach wie Kinder behandelt, respektiert sie nicht.

Katharina Witt, Olympiasiegerin 1984 und 1988 im Eiskunstlauf, hat vorgeschlagen, durch eine Anhebung der Altersgrenzen die Beteiligung Jugendlicher an Olympischen Spielen zu unterbinden. Ein solcher Eingriff in die Freiheit kann mit Verweis auf den Schutz des physischen und psychischen Wohlergehens von Jugendlichen argumentativ gestützt werden. Das ist jedoch nur dann stichhaltig, wenn die Gefährdung überwiegt. Schließlich darf man ihnen nicht einfach alle Handlungen verbieten, die potenziell gefährlich sind.

Ein Teilnahmeverbot ist vor allem argumentierbar, wenn dadurch der dahinterliegende Trainings- und Konkurrenzdruck reduziert wird. Das betrifft auch nicht nur direkte Gefahren für die Gesundheit durch Verletzungen, sondern auch den Schutz vor Überforderung und Ausbeutung. Klar ist jedenfalls, dass Kinder und Jugendliche nicht gedopt werden dürfen. Junge Sportler werden zumeist in das Milieu ihres Sports hineinsozialisiert, es entstehen enge Bindungen zu ihren Trainern, und die vermittelten Normen und Praktiken werden internalisiert und übernommen.

Ist Eiskunstläuferin Kamila Walijewa (15) zu jung für Olympia? - © afp / Manan Vatsyayana
Ist Eiskunstläuferin Kamila Walijewa (15) zu jung für Olympia? - © afp / Manan Vatsyayana

Es geht um mehr als die Teilnahme an Olympia

Wie in anderen geschlossenen und streng hierarchischen Institutionen birgt das auch die Gefahr von Missbrauch - der Fall von Larry Nassar, der als Arzt des US-Turnverbands jahrzehntelang hunderte junge Mädchen sexuell missbrauchte, ist leider nur ein Beispiel von vielen. Es geht also beim Schutz von Jugendlichen im Spitzensport um viel mehr als nur die Teilnahme an Großereignissen wie Olympia. Schließlich macht es wenig Sinn, Jugendliche von den Turnieren für Erwachsenen auszuschließen, wenn der Schutz ihres körperlichen und seelischen Wohlergehens im Training und bei anderen Wettkämpfen weiterhin unterlaufen wird.

Speziell im Falle von medial weltweit vermarkteten Sportereignissen wie Olympia ist zu bedenken, dass hier neben sportlichen auch ökonomische und durchaus auch sportpolitische und nationalistische Interessen eine große Rolle spielen. Das Verbot der Kommerzialisierung und Instrumentalisierung von Jugendlichen lässt sich hier ins Feld führen. Es ist bedenklich, wenn wie im Fall Walijewa eine Jugendliche zu einer nationalen Heldin erhoben wird, ebenso wie das Scheitern und die Tränen einer 15-jährigen Sportlerin nicht medial ausgeschlachtet werden dürfen.

Dass es eine notwendige Begleiterscheinung des heutigen Spitzensports ist, dass sich auch jugendliche Sportler in der Öffentlichkeit "verkaufen" und "darstellen" müssen - insbesondere Athletinnen werden gemäß dem Motto "Sex sells" in den Medien auch häufig sexualisiert -, ist Teil einer weithin akzeptierten Verwertungslogik des Spitzensports, aber dennoch bedenklich. Der Druck auf die Sportler, auch auf sehr junge, steigt und damit auch die Angst, zu versagen.

Die Motive aller Beteiligten hinterfragen

Es braucht also ein Maßnahmenbündel um Jugendliche im Sport besser zu schützen, das auch dazu führen sollte, die Motive aller Beteiligten zu hinterfragen. Es braucht gute Unterstützung für Jugendliche, um die Entscheidung für oder gegen den Sport reflektiert und ehrlich treffen zu können und mit den Strapazen, dem Druck und den Niederlagen umzugehen. Nicht vergessen werden sollte, dass auch Erfolge, mediale Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, überfordern können. Jugendliche sind noch nicht alleine für ihr Wohlergehen und ihre Entscheidungen verantwortlich, sondern gerade im Spitzensport darauf angewiesen, dass sie von sorgenden Erwachsenen umgeben sind. Für eine differenzierte Diskussion ist es weiters wichtig, die jugendlichen Sportler einzubinden und ihnen eine Stimme zu geben. Schließlich betrifft es vor allem sie selbst.

Die kurze Dauer vieler Sportkarrieren, das hohe Risiko durch Verletzungen und die angesichts der hohen Konkurrenzdichte generell geringen Chancen, den großen Erfolg zu schaffen, verlangen, dass jugendliche Athleten auf das Leben neben und nach dem Spitzensport vorbereitet werden. Die finanzielle Absicherung ist nur ein Aspekt davon, Bildungswege müssen ebenso gefördert und ermöglicht werden wie persönliche Reifeprozesse. Die erste Prämisse zum Schutz junger Sportler ist es, diese als Menschen und Jugendliche zu sehen und nicht auf Erfolge, Medaillen und Kosten-Nutzen-Rechnungen zu reduzieren.

Im globalisierten Spitzensport sind die Bedingungen und Möglichkeiten zum Jugendschutz sehr ungleich verteilt und die Situation dementsprechend in manchen Ländern sehr viel schlechter als in anderen. Wenn vom Ideal der großen "Sportfamilie" gesprochen wird, stellt sich die Frage, ob es nicht ein Gebot globaler Solidarität wäre, dass reiche Länder und Verbände daran mitwirken, tatsächlich die Situation für alle jugendlichen Sportler zu verbessern.

Natürlich wären viele Jugendliche unglücklich darüber, wenn ihnen die Beteiligung am Spitzensport verboten würde. Ebenso wie ein starker Kinder- und Jugendschutz dazu führen könnte, dass manche sportlichen Höchstleistungen nicht mehr erbracht werden können, weil Kinder und Jugendliche später oder weniger intensiv zu trainieren beginnen würden. Es ist jedenfalls eine Frage, die die Gesellschaft und nicht nur den Sport betrifft, ob sie bereit ist, für das olympische Motto "Schneller, höher, stärker" auch das Wohlergehen von Jugendlichen zu opfern.