Erinnern wir uns zurück an das erste Halbjahr 2020, einige Monate nach Ausbruch der Corona-Pandemie: Da gab es vermutlich den größten Schock, den der österreichische Arbeitsmarkt kurzfristig jemals erlebt hat. Die Zahl der Menschen in Kurzarbeit schnellte innerhalb weniger Wochen auf mehr als eine Million hinauf, und am Höhepunkt der Krise im April waren zusätzlich rund 570.000 Menschen arbeitslos oder in Schulungen. Und jetzt, zwei Jahre später? Die Zahl der Arbeitslosen beziehungsweise in Schulung Befindlichen lag Mitte Februar zwar immer noch bei 387.000. Andererseits gibt es aber 110.000 offene Stellen, die nicht oder nicht adäquat besetzt werden können, sodass manchmal auch schon ehemalige Mitarbeiter in ihre früheren Unternehmen zurückgeholt werden müssen.

Ein halbes Märchen und eine unerwartete neue Chance für die Älteren? Jene Älteren, die in der Krise eher Gefahr liefen, als "altes Eisen" aussortiert und weggelegt zu werden. Und in einem hohen Maße auch Beschäftigungen und ehrenamtliche Tätigkeiten verloren, die sie nach ihrer Pensionierung angenommen haben. Und zwar, wie mehrere Untersuchungen der unabhängigen Plattform "Seniors4success" bestätigen, weniger aus Erwerbsgründen, sondern primär, um aktiv zu bleiben und das Gefühl zu haben, weiterhin gebraucht zu werden.

Josef Redl ist Betriebswirt und war im Bank- und Versicherungsbereich sowie danach ehrenamtlich, unter anderem auch für "Seniors4success", tätig. - © Prudlo
Josef Redl ist Betriebswirt und war im Bank- und Versicherungsbereich sowie danach ehrenamtlich, unter anderem auch für "Seniors4success", tätig. - © Prudlo

Ob es wirklich zu einer Renaissance der Älteren kommt, kann nur mit "Jein" beantwortet werden. Ja, es stimmt, dass der gegenwärtige Arbeitskräftemangel älteren Menschen, die sich weiter betätigen wollen, prinzipiell in die Hände spielt. Und dass endlich wieder die reale Chance besteht, dieses interessante, aber sträflich vernachlässigte "vergessene Arbeitskräftepotenzial" gebührend in den Fokus zu rücken. Auf dem Weg dorthin gibt es aber auch zahlreiche Hindernisse.

Suche im Ausland und struktureller "Jugendwahn"

Erstens scheint es für viele Firmen - obwohl das Gute so nahe, nämlich im Inland, läge - noch immer wesentlich attraktiver zu sein, ihren Arbeitskräftebedarf mit ausländischen Arbeitskräften zu decken. Zweitens gibt es offenbar immer noch so etwas wie einen strukturellen "Jugendwahn", dem kaum beizukommen ist und der durch die Digitalisierung noch verstärkt wurde. Mit dem Effekt, dass sich ältere Mitarbeiter oft schon Jahre vor ihrer Pensionierung auf einem gefühlten imaginären Abstellgleis befinden.

Eine im Vorjahr durchgeführte weitere Studie von "Seniors4success" bestätigt leider sehr eindrucksvoll, dass es auf dem Weg zu einer echten Inklusion der Älteren noch zahlreiche Stolpersteine gibt. Diese Studie gibt meist gar nicht überraschende, aber dennoch sehr spannende Antworten darauf, welche Rolle das sogenannte Offboarding - wird das Ausscheiden aus dem Berufsleben als eher gut oder eher würdelos empfunden? - in dieser Frage spielt. Hier die wichtigsten Ergebnisse dieser Ende 2021 vorgestellten Untersuchung, bei der telefonisch und online von Telemark Marketing 380 ehemalige Mitarbeiter und auch Unternehmen selbst befragt wurden:

50 Prozent aller früheren Beschäftigten fühlen sich von ihren Unternehmen nur wenig rühmlich (etwa ohne Abschiedsfeier, Geschenk etc.), mit oft großen damit verbundenen Narben, in die Pension verabschiedet.

Trotzdem würden sich immer noch 46 Prozent der Mitarbeiter ein Angebot zur Weiterarbeit erwarten, wenn Arbeitskräfte dringend gebraucht werden.

Zwischen diesem großen Interesse an einer weiteren Mitarbeit und dem überwiegenden Desinteresse der Unternehmen gibt es eine große Kluft.

Diese Diskrepanz gibt es auch in der Wahrnehmung dessen, wie das Offboarding generell beurteilt wird: Die Unternehmen selbst sehen ihre Maßnahmen anlässlich der Verabschiedung deutlich positiver als die Betroffenen selbst. Selbst- und Fremdbild der Firmen klaffen also weit auseinander.

In etlichen Fällen setzt die "Degradierung" älterer Mitarbeiter schon Jahre vor der Pensionierung ein, etwa indem ihnen Weiterbildungsangebote vorenthalten werden.

All das zusammengenommen, führt zum bedenklichen Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Befragten ihr ehemaliges Unternehmen nicht als Arbeitgeber weiterempfehlen.

Unternehmen, Sozialpartner und Staat sind gefragt

Fazit: Motivierend für eine "Freitätigkeit" im dritten Lebensabschnitt ist ein derartiges Offboarding ganz sicher nicht. Solange Unternehmen das Glas bei älteren Mitarbeitern als halbleer und nicht halbvoll sehen, werden diese weiterhin im "Ausgedinge" bleiben und attraktive Arbeitsmarktchancen weiter unerkannt bleiben. Gefragt sind hier die Unternehmen, aber auch die Sozialpartner und der Staat, der zum Beispiel eine Vermittlungsplattform für Ältere einrichten könnte.

Das wäre dann eine Win-win-Situation für alle: für jeden einzelnen ehemals wertvollen Mitarbeiter, für die Unternehmen, für die Wirtschaft insgesamt, für das Gesundheitswesen (weil Menschen, die sich weiter engagiert bestimmten Aufgaben widmen, länger gesund bleiben und auch länger leben) und somit auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Älteren hätten wieder eine Funktion, ihr Selbstwertgefühl würde steigen, und sie könnten weiter etwas zum Gesamtwohl beitragen.