"Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht: Damit die Wohltat allen gleich gedeihe, so stempelten wir gleich die ganze Reihe. (...) Das Alphabet ist nun erst überzählig, in diesem Zeichen wird nun jeder selig." So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in "Faust II" (1832) die Einführung des Papiergelds im Kaiserreich. Dabei hatte er vor allem die österreichische Inflation vor Augen, die er in Karlsbad als Kurgast kennengelernt hatte. Die napoleonischen Kriege hatten die österreichischen Staatsfinanzen zerrüttet. Zur Staatsfinanzierung gab die Regierung immer größere Mengen an Papiergeld, die "Bancozettel", heraus.

Goethe lässt den Ausgang der Geldvermehrung in seinem Drama offen. Faust zieht zu anderen Abenteuern weiter. In der wirklichen Welt erlitten die "Tausendkünstler" Schiffbruch. Die Seligkeit währte nicht lang. Am 20. Februar 1811 erklärte die österreichische Regierung formell den Staatsbankrott und im Jahr darauf die "Bancozettel" für ungültig.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute mit Sitz in Köln. Zuvor war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research. Er war auch bei Goldman Sachs, Salomon Brothers und beim Internationalen Währungsfonds in Washington und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel tätig. 
- © Marc Comes@CHBP

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute mit Sitz in Köln. Zuvor war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research. Er war auch bei Goldman Sachs, Salomon Brothers und beim Internationalen Währungsfonds in Washington und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel tätig.

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Auch heute sind wieder "Tausendkünstler" am Werk. Sie sitzen in den Zentralbanken und "stempeln gleich die ganze Reihe", damit "die Wohltat allen gleich gedeihe". Die Wirtschaft blüht auf. Doch folgt der Scheinblüte schnell der Verfall der Kaufkraft des künstlich geschaffenen Geldes, die Inflation. Die Zeichen stehen an der Wand, aber die Verantwortlichen weigern sich, sie zu sehen. Es ist höchste Zeit, die Augen aufzumachen. Wer dabei zurückblickt, kann die Zukunft ahnen.

Glanz und Elend künstlich geschaffenen Geldes

Soeben ist Thomas Mayers neues Buch "Das Inflationsgespenst - Eine Weltgeschichte von Geld und Wert" im Ecowin Verlag erschienen (400 Seiten, 28 Euro).
Soeben ist Thomas Mayers neues Buch "Das Inflationsgespenst - Eine Weltgeschichte von Geld und Wert" im Ecowin Verlag erschienen (400 Seiten, 28 Euro).

Denn Inflationen haben eine lange Vorgeschichte. Sie haben schon Jahrhunderte vor Goethe Nationen in den Ruin getrieben und sich in Zentraleuropa, im 20. Jahrhundert, mehrmals auf eindrucksvolle Weise wiederholt. Wer aber darauf hinweist, dass die "Tausendkünstler" auch heute ihr Unwesen treiben, dem wird oft mangelndes Verständnis der modernen Geldpolitik vorgeworfen. Doch steht gerade diese in der Tradition von John Law (1671 bis 1729), einem der großen "Tausendkünstler" in der Geschichte.

Der schottische Ökonom war nicht nur ein Abenteurer und Glücksspieler, sondern auch ein höchst origineller Geldtheoretiker. Er verstand Geld als Anspruch auf Waren, der vom Staat geschaffen werden konnte, um die Warenproduktion und -zirkulation anzuregen. Gedeckt werden sollte dieses Geld durch das Vermögen des Staates, das nicht nur aus Gold und Silber, sondern auch aus Land und künftigen Steuereinnahmen bestand. Laws Geld sollte "atmen": Wenn das Staatsvermögen stieg, dann sollte damit auch der Geldbestand wachsen.

Im frühen 18. Jahrhundert konnte Law seine geldtheoretischen Überlegungen als Generalkontrolleur der Finanzen des französischen Staates in die Praxis umsetzen. Er bündelte die amerikanischen und asiatischen Besitzungen des französischen Staates in eine Aktiengesellschaft, die auch das Recht zur Einnahme der indirekten Steuern in Frankreich erhielt. Gegen die Aktien dieser Firma gab er Banknoten aus. Mit dem zunächst schnell steigenden Aktienvermögen des Unternehmens stieg auch der Geldumlauf. Als sich jedoch Zweifel am wirtschaftlichen Erfolg der überseeischen Besitzungen einstellten, stürzte der Aktienpreis ab, und das dagegen ausgegebene Geld verlor an Wert. In der kurzen Zeit von 1716 bis 1720 durchlief Laws "atmendes" Geldsystem den ganzen Glanz und das Elend eines künstlich geschaffenen Geldes.

Scheinblüten statt Wirtschaftsblüten

Dies hielt seinen geistigen Nachfahren John Maynard Keynes (1883 bis 1946) in den 1920er und 1930er Jahren nicht davon ab, Gold als "barbarisches Relikt" zu bezeichnen und ebenfalls für ein "atmendes" Geldsystem einzutreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog seine Lehre in die praktische Politik ein. Doch statt Wirtschaftsblüten erzeugte sie nur Scheinblüten. Ende der 1970er Jahre blieben die Staaten und ihre Bürger, wie bei Law, auf erdrückenden Schulden und Geldentwertung sitzen.

Damit hätte die Frage nach dem Nutzen des "atmenden" Geldsystems ein für alle Mal beantwortet sein können. Doch schon in den 1990er Jahren fand die Welt an der Geldvermehrung wieder Gefallen und trieb es bis zum Platzen der großen Kreditblase im Jahr 2007 besonders bunt. Und auch seither sehen die "Tausendkünstler" die Lösung der durch die Geldvermehrung verursachten Probleme in einer weiteren Geldvermehrung.

Das Problem des Systems des "atmenden" Geldes ist, dass Geld darin nicht nur ein Tauschmittel, sondern auch ein Finanzierungsinstrument darstellt. Wird es über die Kreditvergabe der Geschäftsbanken geschaffen, dann ist es privates Schuldgeld. Wird es von der Zentralbank im Auftrag des Staates herausgegeben, dann hat es Ähnlichkeit mit dem Eigenkapital einer Unternehmung. Die Geldproduktion findet dabei immer in einem Spannungsverhältnis statt.

Auf der einen Seite steht dabei die Notwendigkeit zum Erhalt des in das Geld gesetzten Vertrauens als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung, auf der anderen Seite die Versuchung, das Angebot zur Stimulierung von Wirtschaftsaktivitäten und Finanzierung von Staatsausgaben auszuweiten. Meist kommt es dabei zu Zyklen in der Geldproduktion. Weil Vertrauen auf Vorschuss erhältlich ist, kann das Geldangebot lange Zeit scheinbar ohne Schaden und zum Nutzen aller ausgeweitet werden. "In diesem Zeichen wird nun jeder selig" - bis der Vorschuss an Vertrauen aufgebraucht ist und schließlich eingefordert wird.

Dem Geldkonzept Laws und Keynes’ steht diametral das Geldverständnis des Liberalen John Locke (1632 bis 1704) gegenüber. Für ihn war Papiergeld nur dann rechtmäßig, wenn es einen Verwahrschein für hinterlegtes Gold - oder je nach gesellschaftlicher Übereinkunft andere zu Geld gewordene Waren - darstellte. Dass geborgtes Geld wie eine geborgte Ware mit Leihgebühr wieder zurückgegeben werden muss, setzt der Verschuldung bei Locke enge Grenzen. Ebenso ist die Vermehrung von Geld durch die Produktionskapazität der als Geld dienenden Waren beschränkt.

Gewaltiger Geldüberhang

Heute prallen die beiden Geldkonzepte von Law und Locke in der weltweiten Debatte über die Folgen ungezügelter Geldvermehrung in Zeiten der Corona-Pandemie aufeinander. Die meisten Politiker, Zentralbanker und Ökonomen hängen Laws Geldkonzept an. Führen sie uns auf den Weg zur Glückseligkeit, oder bewegen wir uns in die entgegengesetzte Richtung? Der Blick in die Glaskugel gibt eine trübe Aussicht. Seit der Corona-Krise kommt es erneut zur ungezügelten Geldvermehrung nicht nur auf der Ebene der Zentralbanken, sondern auch bei den Geschäftsbanken. Ein gewaltiger Geldüberhang, der die Voraussetzungen für eine neue Geldkrise schafft, ist entstanden.

Solange es jedoch zu keinen grundlegenden politischen Umbrüchen kommt, dürfte eine Geldkrise eher schleichend und verdeckt als plötzlich und mit einem Paukenschlag kommen. Ein Ende nach langer Schwindsucht - ein langsamer Verfall der Kaufkraft - ist wahrscheinlicher als ein Ende durch einen plötzlichen Kollaps. Im Euroraum wird die Schwindsucht vermutlich in Form der "Liraisierung" des Euro, also durch eine allmähliche Aufweichung der einst als stabil gepriesenen Währung, kommen.