Wenn man versucht, am Beginn des Krieges gegen die Ukraine die Motive des Herrn im Kreml zu verstehen, stößt man neben purem Imperialismus im Wesentlichen auf zwei leidlich plausible Erzählstränge. Der erste beschreibt, wie Russland in seiner Geschichte durch zwei Angriffe aus dem Westen gleichsam ein kollektives Trauma erlitten habe, das heute zu bestimmten Verhaltensstörungen samt Neigung zu Gewalttätigkeiten führe. Der zweite erzählt davon, wie die Nato mit ihrem Vertragsgebiet seit dem Ende der UdSSR der russischen Grenze immer näher kam, was in Moskau irgendwann einmal zu einer Reaktion führen müsse.

Beide Argumente sind nicht ganz von der Hand zu weisen; als Legitimation für Russlands militärische Aktionen taugen sie jedoch letztlich nicht. Denn niemand, nicht einmal der überzeugteste Falke im Kreml, kann ernsthaft glauben, dass die Nato Russland militärisch bedrohe, das hat sie in ihrer ganzen langen Geschichte noch nie getan und wird sie nie tun. Der Kreml hingegen hat seit 1945 mehrmals militärisch in Europa interveniert.

Was nicht heißt, dass es für das System Wladimir Putin, das ja beabsichtigt, irgendwann auch ohne ihn Russland weiter zu beherrschen, nicht durchaus berechtigten Grund zur Sorge beim Blick nach Westen gibt. Es ist jedoch keine Sorge vor militärischer Bedrohung, sondern vor einer für das System ungleich gefährlicheren. Es ist die Furcht, die Ukraine könnte sich zu dem entwickeln, was Westdeutschland für die DDR war: ein Nachbar, kulturell und sprachlich verwandt, der prosperiert und gedeiht, in dem Demokratie und Rechtsstaatlichkeit herrschen - und der bei den Russen, die von all dem nur träumen können, eine Frage entstehen lässt: Warum leben wir nicht genauso gut und frei?

Für eine voll in den Westen integrierte Ukraine wäre das durchaus realistisch. Für den Kreml hingegen wäre dies wesentlich gefährlicher als ein US-Flugzeugträger auf der Wolga - denn wenn jeder Russe nachvollziehen kann, wie es auch anders geht in seiner Weltgegend, dann wird es heikel für Putin oder seine Nachfolger. Gerade, weil er lange in der DDR gelebt und gearbeitet hat und daher mit diesen Mechanismen bestens vertraut ist, dürfte Putin sich dieser Gefahr besonders bewusst sein - und handelt dann eben dementsprechend.

Umso mehr, als er damit gleichsam das Angenehme (die Ukraine unten halten) mit dem Nützlichen verbinden kann, nämlich mittel- bis langfristig wieder zu einer europäischen Großmacht zu werden, deren weiterer Einflussbereich die Staaten des einstigen Warschauer Paktes umfasst, aber letztlich auch in den Westen Europas wirkt. "Der nächste Schritt zielt dann auf die Hegemonie im gesamten Osteuropa als Voraussetzung für die Dominanz Moskaus über das ganze Europa", meinte jüngst der deutsche Ex-
Außenminister Joschka Fischer.

Sollte, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, Donald Trump 2024 wieder ins Weiße Haus zurückkehren und seinen Kurs der Abkehr von Nato und Europa weitergehen, könnte es Putin sogar gelingen, die Amerikaner überhaupt aus Europa zu vertreiben, was seine Vormachtstellung in Europa wohl endgültig etablieren würde. Eine nicht wirklich erfreuliche Vorstellung.