Nach dem Lagevortrag des Befehlshabers der französischen Streitkräfte, General Maxime Weygand, überkam den Präsidenten des Rates (Ministerpräsidenten) Paul Reynaud tiefe Niedergeschlagenheit; der Kampf neigte sich dem Ende, der Kapitulation zu. An diesem 16. Juni 1940, um 16.10 Uhr, wurde ihm eine Depesche aus London überbracht:

Nikolaus Scholik ist Senior Advisor am Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). Er war Milizoffizier sowie in der Privatwirtschaft tätig und hat Politikwissenschaft studiert. 
- © privat

Nikolaus Scholik ist Senior Advisor am Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). Er war Milizoffizier sowie in der Privatwirtschaft tätig und hat Politikwissenschaft studiert.

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"In der Stunde höchster Gefahr, in der sich das Schicksal der modernen Welt entscheidet, erklären die Regierungen der Republik Frankreich und des Vereinigten Königreichs den unerschütterlichen Willen, die Freiheit gegen jene Regime zu verteidigen, welche den Menschen mit dem Leben eines Sklaven zum Ziel haben, das Folgende:
● Fortan sind Frankreich und Großbritannien nicht mehr zwei, sondern eine unauflösliche französisch-britische Nation.
● Eine Verfassung dieser Union wird ausgearbeitet, die gemeinsame Organe der politischen, wirtschaftlichen und verteidigungsmäßigen Strukturen der Union vorsieht.
● Jeder Franzose erhält sofort die britische, jeder Bürger des Vereinigten Königreichs die französische Staatsbürgerschaft. […]
● Während des Krieges gibt es nur ein vereinigtes Oberkommando. […]
● Die beiden Parlamente werden vereinigt. Alle Streitkräfte des Vereinigten Königreiches und Frankreichs, Land-, See- und Luftstreitkräfte, werden einem einzigen Oberkommando unterstellt. […]
● Die Union appelliert an die Vereinigten Staaten die Ressourcen der Alliierten zu stärken und der gemeinsamen Sache ihre kraftvolle materielle Hilfe zu gewähren.
● Diese Union, diese Einheit wird ihre gesamte Energie gegen die feind-liche Macht konzentrieren, unabhängig wo diese Auseinandersetzung statt-findet – und derart siegen."
(Original in: Benoist-Méchin, Tôme 2 "Soixante Jours qui ébranlèrent l’Occident", 1956, Éditions Albin Michel, Paris)

Dieser Vorschlag, mit Premierminister Winston Churchill abgestimmt und vom britischen Kabinett gebilligt, sollte Frankreich von einem Separatfrieden abhalten und die Position des Ministerpräsidenten gegenüber den reaktionären französischen Kräften, die weder dem Vereinigten Königreich noch seinem Premier vertrauten, stärken. Die Fortsetzung des Krieges, auch nach der militärischen Niederlage, der Erhalt des französischen kolonialen Machtfaktors und der Flotte waren das Ziel. Es war jedoch zu spät. Die Kräfte um Marschall Philippe Pétain, politische wie militärische, verweigerten dem Premierminister in der Nationalversammlung die für eine Umsetzung notwendige Zustimmung.

Am späten Nachmittag des 22. Juni 1940 unterzeichnen der Oberbefehlshaber der Wehrmacht, General Wilhelm Keitel, und der bevollmächtigte französische General Charles Huntziger die Kapitu-lationsurkunde. Die weiteren Folgen, der Untergang und die Teilung Frankreichs, die Besetzung und ihre Folgen, die Spaltung der Bevölkerung in Befürworter und Anhänger des freien Frankreichs (Charles de Gaulle), die Kollaboration, die Mithilfe bei den Arisierungsmaßnahmen der deutschen Besatzungsmacht und letztlich doch das rasche Wiederaufstehen als souveräner Staat dürfen als bekannt vorausgesetzt werden.

Historiker, Politikwissenschafter, Militärs aus vielen (vor allem den betroffenen) Staaten des heutigen Europas haben diese Vorgänge untersucht, analysiert, beurteilt. Die Ergebnisse sind in Vergessenheit geraten – die Welt bewegte sich weiter, Frankreich und das Vereinigte Königreich formten maßgeblich die Neugestaltung des freien Europas, der Kalte Krieg, die Implosion der Sowjetunion, der Aufstieg Chinas – andere Prioritäten, andere Entwicklungen bestimmen heute die Welt. Es bleiben die bislang unerfüllten europäischen Hoffnungen nach einer seiner Geschichte und Macht (seit vielen Jahrzehnten nur wirtschaftliche) entsprechenden Position in der globalen Ordnung der Zukunft.

Die Lehre der Geschichte ist, dass "Zu spät" – unabhängig von Intention, Anstrengung und richtigem Denken – ein finales Urteil darstellt. Das heutige Europa, die Union, Allianz(en) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir nach Jahrzehnten der Ignoranz sicherheitspolitischer Stärke an der Kippe des nächsten "Zu spät" stehen. Die Europäische Union – genauer gesagt: die sie formenden Nationalstaaten – hat es sträflich versäumt, den von den Gründervätern vorgegebenen Weg zur raschen politischen Einigkeit nach der wirtschaftlichen zu gehen. Der große Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte Recht: "Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts lernen."

Vielleicht ist es aber noch nicht zu spät. Es mag als ein Zeichen an der Wand interpretiert werden, dass das oben teilweise wiedergegebene Dokument (Übersetzung durch den Autor) von einem englischen Diplomaten (Robert Vanisttart) und zwei mit de Gaulle in das englische Exil gegangenen französischen Kollegen (Charles Corbin und Jean Monnet) erarbeitet wurde. Monnet war der große Europäer, Franzose, der nach dem Krieg die Versöhnung mit Deutschland und die Struktur der neu zu schaffenden Europäischen Gemeinschaft mitgeprägt hat. Er war auch der gründende Denker und Befürworter der zu schaffenden europäischen Einigkeit auf der politischen und der Sicherheitsebene; er glaubte fest an die Notwendigkeit der Vereinigten Staaten von Europa. Eines seiner Lieblingszitate lautete: "Nicht verzagen: Für die Menschen in Europa gibt es nur eine Zukunft – die einer Union." Er war kein Wissenschafter, kein Politiker. Er war ein Visionär, bescheiden, großer Denker und von einer Mission geprägt: der unerlässlichen, gestaltenden Rolle eines starken und einigen Europas für eine friedliche Welt.

Sollten wir nicht doch endlich beginnen zu lernen?