Eine Spaltung der Bevölkerung in (zumindest historisch) linke und rechte Lager ist weltweit nichts Ungewöhnliches und nimmt in jüngster Zeit sogar zu. In den USA können wir Österreicher da nicht viel ändern, in der Heimat jedoch schon - wenn wir nur wollen. Als Erstes gilt es, vorhandene Vorurteile in einer emotionslosen Gegenüberstellung aufzuzählen, zu benennen und anschließend schonungslos auf ihren etwaigen Wahrheitsgehalt zu untersuchen.

Tibor Pásztory ist Wirtschaftsjournalist und Historiker. 
- © privat

Tibor Pásztory ist Wirtschaftsjournalist und Historiker.

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Fangen wir bei den bürgerlich-konservativen, sprich "schwarzen" (aus historischen Gründen sei hier die alte Parteifarbe gebraucht) Vorurteilen an: Als im Umfeld der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner jüngst die Bezeichnung "rotes G’sindl" fiel, gab es in SPÖ-Kreisen einen Aufschrei. Hat man denn dort nicht bemerkt, dass es solche nicht sehr höflichen Bezeichnungen schon immer gab? Auch, so die konservativen Vorurteile weiter, seien "diese Roten" hauptsächlich von Neidkomplexen getrieben, die den Bürgerlichen, also den fleißigen Leuten, nur deren Geld wegnehmen wollten, um es großzügig unter ihrer eigenen Wählerschicht umzuverteilen. Überhaupt seien Arbeitgeber im Allgemeinen böse Kapitalisten. In jüngster Zeit komme hinzu, dass man sich mehr mit Gendern und anderen Auswüchsen politischer Korrektheit beschäftige als mit echten Problemen (gegenüber dem grünen Koalitionspartner, dem "Political Correctness" als Heiligtum gilt, ist dieser Vorwurf seltsamerweise kaum vernehmbar).

Nun zu den linken Vorurteilen: Ja, tatsächlich seien Unternehmer von ihrer Grundtendenz her ausbeuterische Kapitalisten, auch wenn mittlerweile selbst der letzte Gewerkschafter gemerkt haben sollte, dass Wirtschaft ohne Unternehmer nicht existieren kann. Aber deshalb muss man sie doch nicht gleich mögen! Überhaupt schauten die Bürgerlichen (auch wenn die meisten Vertreter der Mittelschicht nicht zuletzt als Resultat roter Sozialpolitik zwar nicht zu Bürgerlichen im engeren Sinne, aber zu Aufsteigern wurden) in ihrer Arroganz auf die "kleinen Leute" herab - ein Umstand, der insbesondere für die Generation "junger Schnösel" gilt, als deren Archetyp Sebastian Kurz galt und gilt, weshalb schon ab Beginn seiner Kanzlerschaft die Losung galt: "Kurz muss weg!" Sich zu diesem Zweck hie und da auch mit der FPÖ ins Bett zu legen, gehöre eben zum Geschäft. Dies sei auch moralisch gerechtfertigt, schließlich sei die ÖVP nicht nur die Verkörperung gestriger Diskriminierungspolitik, sondern überdies auch noch das Maß aller Korruption.

Liebe Türkise, Schwarze, Rosa- und ganz Rote, nehmt euch bei einer guten Tasse Tee, einem Frischgezapftem oder einem guten Glas Wein diese - ohne Anspruch auf Vollständigkeit erstellte - Aufzählung von Vorurteilen zur Brust. Und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die des politischen Gegners (der Ausdruck "Mitbewerber" wäre hier wohl ein Euphemismus): Sind wirklich alle gänzlich unwahr? Oder könnte doch tatsächlich das eine oder andere zutreffen? Falls - wie an dieser Stelle schon suggeriert - ja, könnte man in einem zweiten Schritt in sich gehen und in einem dritten aufeinander zu. Aber bis dahin ist es wohl noch ein steiniger Weg. Daher der Tipp mit dem Tee . . .