Am 15. Februar war wieder einmal Equal Pay Day, der Tag, bis zu dem Frauen in Österreich seit Jahresbeginn statistisch gesehen unbezahlt gearbeitet haben. Heute, am 8. März, wird der Weltfrauentag begangen. Auch dieser Tag soll auf die fehlende Gleichstellung und -bezahlung von Frauen aufmerksam machen. An beiden Tagen steht ein grundlegendes Problem im Fokus: Der Gender Pay Gap, also der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern, der Frauen in Österreich 46 Tage Lohn kostet.

Sophie Achleitner ist Ökonomin bei der sozialliberalen Denkfabrik Momentum Institut. 
- © Ingo Pertramer

Sophie Achleitner ist Ökonomin bei der sozialliberalen Denkfabrik Momentum Institut.

- © Ingo Pertramer

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Equal Pay Day um sechs Tage nach vorne gerückt. Das bedeutet in diesem Fall sechs Schritte nach vorne - gen Einkommensgleichheit. Jubeln sollten wir dennoch nicht zu voreilig. Für die Berechnung werden nämlich nur Vollzeitbeschäftigte herangezogen - Teilzeitbeschäftigte, größtenteils weiblich (rund 47 Prozent der Frauen arbeiteten im Jahr 2020 in Teilzeit), sind nicht inkludiert.

Die bereinigte Einkommensschere verzerrt das Bild enorm, der Gender Pay Gap von 12,7 Prozent wird kleingerechnet. Inkludiert man Teilzeitbeschäftigte und nicht ganzjährig Beschäftigte, liegt die wahre geschlechtsspezifische Einkommenslücke bei satten 36 Prozent. Der Equal Pay Day wurde also eigentlich viel zu früh ausgerufen - tatsächlich fällt er heuer erst auf den 10. Mai (den 130. Tag im Jahr).

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Eklatant sind auch die regionalen Unterschiede. Es kommt in Österreich stark darauf an, in welchem Bundesland frau lebt und arbeitet. Laut einer um Teilzeitbeschäftigte bereinigten Kalkulation stehen einander der Westen und der Osten des Landes mit Pay Gaps von 18 Prozent in Wien und knapp 47 Prozent in Vorarlberg gegenüber. Das liegt stark an der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen: Mit Vollzeit kompatible Kindergärten lassen sich außerhalb der großen Städte mit der Lupe suchen. So ist der Gender Pay Gap in Vorarlberg und Oberösterreich besonders hoch - gerade dort, wo es besonders wenige Kindergärten mit längeren Öffnungszeiten gibt.

Frauen verlieren überall

Nicht nur beim Erwerbseinkommen werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich. Frauen in Österreich verlieren in allen Bereichen: Sie bekommen um 8 Prozent weniger Arbeitslosengeld, besitzen um knapp 30 Prozent weniger Vermögen, erben um 36 Prozent weniger als Männer und steigen mit 38 Prozent weniger Pensionsgeld auch bis ins hohe Alter um einiges schlechter aus.

Die sogenannte Teilzeit-Falle, die bei vielen Frauen zuschnappt, und der große Unterschied bei Pensionszahlungen haben verheerende Auswirkungen auf das Lebenseinkommen von Frauen. Schon durch kurze Teilzeit-Phasen verliert eine Frau enorm: Verdient sie im Vollzeitjob 2.500 Euro brutto, fehlen ihr mit einer fünfjährigen Teilzeitphase mehr als 48.000 Euro an Lebenseinkommen - durch entgangenes Gehalt und geringere Pensionszahlungen. Je nach Dauer der Teilzeitphase und monatlichem Bruttogehalt kann dieser Verlust auf bis zu 200.000 Euro ansteigen.

Sind Frauen selbst schuld? Keineswegs! Teilzeit zu arbeiten, ist für viele Frauen schlichte Notwendigkeit: Kinderbetreuungsangebote fehlen. Väter gehen - wenn überhaupt - nur sporadisch in Karenz (lediglich 1 Prozent der Väter länger als 6 Monate). Unbezahlte Sorgearbeit wird überwiegend von Frauen verrichtet, weil der Pflegesektor (der noch dazu zum Großteil weiblich aufgestellt ist) trotz der systemerhaltenden Relevanz dieser Berufsgruppe viel zu schlecht entlohnt ist. Das sind die wahren Gründe, warum Frauen so häufig teilzeitbeschäftigt sind und enorme Gehaltseinbußen in Kauf nehmen müssen.

Die höhere Teilzeitquote von Frauen führt nicht nur zu niedrigeren Gehältern, weil weniger Stunden gearbeitet wird - auch pro Stunde sind Teilzeitjobs niedriger entlohnt. Außerdem zahlen Branchen, in denen vermehrt Frauen arbeiten, niedrigere Gehälter als jene, in denen großteils Männer beschäftigt sind. Durch die Bank erreichen Frauen seltener Führungspositionen. Schlussendlich spielt auch reine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts eine nicht zu vergessende Rolle für den Gender Pay Gap, auf die besonders heute am Weltfrauentag aufmerksam gemacht und die bekämpft werden soll.

2 Prozentpunkte in 20 Jahren

Wenn Österreich im bisherigen Tempo gegen die finanzielle Ungleichheit zwischen Frauen und Männern weiterkämpft, werden selbst unsere Ur-Ur-Ur-Enkelinnen im Jahr 2362 noch nicht gleichgestellt und -bezahlt sein. Österreichs Gender Pay Gap hat sich in den vergangenen 20 Jahren nur um sagenhafte 2 Prozentpunkte verringert.

Ein Blick in andere Länder lohnt sich, um das Tempo anzukurbeln und treffsichere Maßnahmen zu schaffen: Gesetzliche Verbote, gleiche Arbeit ungleich zu bezahlen, verpflichtende Väterkarenz und Arbeitszeitverkürzung à la 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich gibt es in Island. Kostenlose und flächendeckende Kinderbetreuung führt in Skandinavien zu höheren Kinderbetreuungsquoten. Auch die Mindestpensionen müssen erhöht werden - um nur ein paar Ideen zu nennen. Die Politik muss endlich dafür sorgen, dass Frauen keinen Tag länger unbezahlt arbeiten und gleichgestellt werden.