Wenn diesen Samstag wieder die sogenannten Gegner der Corona-Maßnahmen in der Wiener Innenstadt demonstrieren, dürfte es eine der bizarrsten Kundgebungen seit langem werden. Denn da wird gegen eine herbeidelirierte Corona-Diktatur in Wien angegangen, während ein paar hundert Kilometer weiter östlich der wirkliche Diktator Kriegsverbrechen begeht. Und da wird gegen Maßnahmen demonstriert, die es de facto nur noch in Spurenelementen gibt. Noch schräger geht es eigentlich nicht.

Vielleicht, weil sie sich dieser kleinen Problematik doch ein wenig bewusst sind, wollen die Organisatoren der Schwurbler-Aufmärsche auch die Neutralität zum Thema ihrer Zuwendung machen. Und bei dieser Gelegenheit auch russische Fahnen schwingen, wie das ja schon bei anderen Corona-Demos zu besichtigen war, Wladimir Putin huldigen und die Schuld am Krieg dem Westen und der Nato zuweisen.

Zwar nicht in jedem einzelnen Fall, aber doch beim Kern dieser absurden Bewegung der Seltsamen lässt sich beobachten: Die Corona-Bewegung ist gerade dabei, sich zu häuten und zu einer Zusammenrottung von Putin-Fans zu werden. Dies ist ein in ganz Europa zu beobachtendes Phänomen. So konvertierte etwa der bekannte deutsche Popmusiker Xavier Naidoo erst jüngst vom Corona-Leugner zum bekennenden Putin-Fan, und selbst im beschaulichen Liechtenstein sorgt sich die Zeitung "Vaterland": "Maßnahmengegner werden zu Putin-Verstehern."

Zwar erschließt sich dem Betrachter nicht sofort, was die Abneigung gegen eine Impfung mit der Bewunderung eines Kriegsverbrechers zu tun haben soll - und doch folgt es, jedenfalls in der Welt der Schwurbler, einer gewissen Logik. Denn wer den "Mainstream-Medien" und deren Corona-Berichterstattung grundsätzlich misstraut und sich deshalb lieber aus "alternativen Medien", die sehr oft russische Trollfabriken sind, "informiert", fällt leicht auf die Kreml-Propaganda herein. Vor allem, wenn er oder sie ohnehin Weltverschwörungstheorien bevorzugt.

Dazu kommt natürlich, dass jene Rechtsextreme, die zu den Organisatoren der Demos zählen, traditionell in Putin einen Verbündeten sehen, der ihre Abneigung gegen den dekadenten Westen teilt (weshalb ja auch die FPÖ dezidiert über einen sogenannten Freundschaftsvertrag mit der Partei dieses Kriegsherrn im ideologischen Zungenkuss verbunden war). Schließlich braucht die Corona-Bewegung, die sich ja als Fundamentalopposition der Opfer aller Schattierungen gegen die, denen es besser geht, inszeniert, auch neue Themen, weil sich der Zuspruch in jüngerer Vergangenheit eher in Grenzen gehalten hat. Die Neutralität, die ja allen Putin-Verstehern ein großes Anliegen ist, eignet sich da perfekt als neuer Markenkern.

Jeder "besorgte Bürger", der überlegt, am Samstag mit diesen Leuten gegen die eh kaum noch existenten Corona-Maßnahmen und für die vermeintliche Beibehaltung der Demokratie auf die Straße zu gehen, muss deshalb wissen: Er oder sie betreibt damit letztlich die Geschäfte jenes Mannes im Kreml, der tagtäglich zahllose Frauen und Kinder bombardieren lässt. Das sollte man sich vielleicht doch noch einmal genauer überlegen.