Der russische Überfall auf die Ukraine ist ein historischer Angriff auf die internationale Sicherheitsordnung. Er verändert nicht nur Europas Energiearchitektur, sondern beschleunigt auch die Entstehung einer neuen Welt- und Wirtschaftsordnung. Die Finanzmärkte reagieren aktuell mit heftigen Turbulenzen. Die hohe Inflation ist schon jetzt für Anleger und Sparer enorm schmerzhaft, und die Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, den Krieg fortzusetzen, bringt viele europäische Aktienmärkte an den Rand eines Bärenmarktes, da die Konjunkturzuversicht der Börsianer dramatisch einbricht. "Reale" Werte im Portfoliomanagement in Form von Aktien und somit Beteiligungen an gut im Markt positionierten Unternehmen sollten jetzt im Fokus stehen.

Sieglinde Klapsch leitet das Private Banking Graz bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse / Kundigraber
Sieglinde Klapsch leitet das Private Banking Graz bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse / Kundigraber

Innerhalb von zwei Jahren wurde die Weltwirtschaft mit zwei dramatischen Entwicklungen konfrontiert: erstens der Pandemie und zweitens dem geopolitischen Schock im Zuge der Ukraine-Krise, die wiederum einen Rohstoffpreisschock ausgelöst hat. Prominente Akteure wie der norwegische Staatsfonds und die Rating-Agentur Moody’s gehen davon aus, dass der Krieg in der Ukraine ein gefürchtetes wirtschaftliches Szenario wahrscheinlich macht: das einer Stagflation, bei dem ein stagnierendes Wirtschaftswachstum in Kombination mit einer Inflation in einem ungewünschten Ausmaß auftritt. Als historisches Beispiel für eine solche Phase gelten die 1970er Jahre.

Ein weiterer Preisauftrieb an den Rohstoffmärkten scheint unaufhaltbar und wird auch die Konsumenten treffen - und das zu einer Zeit, in der die Inflation bereits hoch ist. Die Teuerung in der Eurozone ist im Februar um 0,7 Prozentpunkte auf die neue Rekordhöhe von 5,8 Prozent gestiegen. Während Russland ein wichtiger Produzent von Metallen wie Aluminium, Palladium, Platin oder Kupfer ist, liefert die Ukraine Getreide, Düngemittel sowie andere Rohstoffe und Vorprodukte, die für den Weltmarkt sehr bedeutend sind.

Viele Signale deuten darauf hin, dass die Globalisierung ihren Zenit überschritten hat. Lieferketten, aber auch Technologien und Branchen wie Soziale Netzwerke, Online-Handel, Energieversorgung und andere werden sich in Zukunft tendenziell regionalisieren. Die Kontrolle über Rohstoffe sowie die räumliche Nähe von Fertigung und Betrieb werden zukünftig wieder mehr zählen. Kürzere Lieferwege sichern regionale Arbeitsplätze, reduzieren Treibhausgasemissionen und stärken Prozesskontrollen.

Der Krieg in der Ukraine verschärft somit den Prozess der fortschreitenden Deglobalisierung. Das neue geopolitische Szenario erzwingt den kostspieligen Umbau von Wertschöpfungs- und Lieferketten. Produkte werden dadurch teurer, was zusätzlich die Inflation befördert. Die steigenden Preise dürften bei vielen Firmen für Margendruck sorgen. Dies belastet den Ausblick für die Unternehmensgewinne in diesem Jahr weiter und erhöht die generellen Risiken an vielen Aktienmärkten. Weiters dürfte der Ukraine-Krieg die Staatsausgaben in vielen Ländern noch weiter aufblähen. Die Finanzierung wird die Inflation weiter antreiben, zumal viele Staaten nach der weltweiten Corona-Pandemie ohnehin stark überschuldet sind.