Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der russische, dem Regime Wladmir Putins sehr kritisch gegenüberstehende Sozialwissenschafter Viktor Krasilschtschikow, zweimaliger Gastprofessor am Institut für Wirtschafts-und Sozialgeschichte der Universität Wien (Wintersemester 2005/2006 und Sommersemester 2011), bereits am 28. Mai 2021 beim Jogging in Moskau plötzlich verstorben. Er hinterlässt eine Familie. Krasilschtschikow, Sozialwissenschafter, Humanist und auch Alpinist, der unter anderem 2014 den höchsten Berg Lateinamerikas, den Aconcagua (6.961 Meter) sowie drei 7.000er in der Ex-UdSSR bezwang, beschäftigte sich vornehmlich mit den Zentrum-Peripherie-Strukturen in der Weltgesellschaft und den Entwicklungswegen solcher Länder wie Russland und Brasilien. Er war Politökonom im besten Sinn des Wortes.

Der russische Sozialwissenschafter Viktor Krasilschtschikow (1952 bis 2021). 
- © Fundacao Fernando Henrique Cardoso / https://fundacaofhc.org.br

Der russische Sozialwissenschafter Viktor Krasilschtschikow (1952 bis 2021).

- © Fundacao Fernando Henrique Cardoso / https://fundacaofhc.org.br

Zuletzt war Krasilschtschikow, der am Zentrum für Entwicklungsstudien des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen (IMEMO) in Moskau tätig war, 2018 Forschungsgast am Polnischen Institut für Höhere Studien in Warschau, und zuvor unter anderem am Koreanischen Institut für Internationale Wirtschaftspolitik (KIEP) in Seoul, am Maulana Abul Kalam Azad Institut für Asienstudien in Kolkata, Indien, und an vielen anderen Institutionen dieser einen und einzigen Welt. Seine Arbeiten sollten gerade auch in Österreich, wo selbst unsere derzeitigen und früheren Bundespräsidenten von der jüngsten Entwicklung in Russland überrascht zu sein scheinen, genauer gelesen werden.

Für Putin und die Seinen hatte dieser große russische Gelehrte, der stets mit dem Mut der Regimekritiker aus der Zeit der Sowjetunion sprach, massive Kritik parat. Legendär sind seine beiden Vorträge auf Einladung des früheren brasilianischen Staatspräsidenten Fernando Henrique Cardoso an der Fundacao Fernando Henrique Cardoso am 17. September 2009 und am 26. März 2014 in Sao Paulo.

Politikern wie den Präsidenten Cardoso und Luiz Inácio Lula da Silva stand er inhaltlich recht nahe. In seinem Interview mit der großen liberalen Tageszeitung "Folha de Sao Paulo" analysierte er die russische Innen- und Außenpolitik unter der Regierung von Präsident Putin und sagte auf die Frage "Was ist mit Putins Rede, dass es in der ukrainischen Regierung Faschisten gibt?" Folgendes: "Man kann nicht sagen, dass die derzeitige Regierung der Ukraine eine faschistische Regierung ist. Das ist reine Rhetorik, reine Propaganda. Dies ist einer der Fälle, in denen die für die Propaganda verantwortlichen Personen beginnen, ihre eigenen Lügen zu glauben."

Zur eurasischen Ideologie Putins, dem Herzstück des Putinismus, und der übrigen rückwärtsgerichteten, aktuellen Ideologien in Russland meinte er, sie sei eine reaktionäre Utopie. Und er fügte hinzu (und das bereits im Jahr 2014): "Ich sehe eher Ähnlichkeiten zwischen Putins Ideen und den eklektischen Ideologien der lateinamerikanischen bürokratischen und autoritären Militärregime der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Ich sehe viele Ähnlichkeiten zwischen der Nationalen Sicherheitsdoktrin [Repression als Reaktion auf die kommunistische Bedrohung in der Zeit des Kalten Krieges] und Putins jüngsten Aktionen. Putin zum Beispiel glaubt, dass alle Revolutionen das Ergebnis subversiver Aktivitäten sind, die von außen inspiriert wurden. Er ist ein Antiliberaler, der die liberale Rhetorik nicht aufgibt. In dieser Hinsicht kann man seine Rhetorik mit der der argentinischen Militärjunta zur Zeit von Joge Rafael Videla, Roberto Viola und Leopoldo Galtieri (1976 bis 1983) vergleichen. In der Wirtschaft beispielsweise vertritt er eine liberale Rhetorik, in der Praxis ist er jedoch ultrakonservativ."

Posthum erschien nun vom Springer-Verlags Krasilschtschikows letztes Opus Magnus über Brasilien. Ein letztes Werk, das nun im Westen endlich groß herauskam, während der Großteil seiner Schriften – darunter vier Bücher und mehr als hundert Aufsätze – auf Russisch erschien. Das Buch mit dem Titel "Brazil - Emerging Forever? A Case Study of the Mid-Level Development Trap" befasst sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen, mit denen Brasilien als eines der größten Schwellenländer derzeit konfrontiert ist. Es untersucht die Perspektiven der brasilianischen Entwicklung aus einer interdisziplinären Perspektive und untersucht sowohl sozioökonomische als auch politische Variablen. Das Buch umfasst den großen Zeitraum der Entwicklung Brasiliens im 20. und in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.

Besonderes Augenmerk gilt der kurzen Wohlstandsperiode unter den linkszentristischen Regierungen der brasilianischen Arbeiterpartei als Fortsetzung des früheren konservativen Modernisierungsmodells, das zu einer verstärkten Abhängigkeit von China und einer vorzeitigen Deindustrialisierung der Wirtschaft führte. Nach der Auswertung brasilianischer Statistiken über Einkommen und Konsum der Haushalte wird in dem Buch das Fehlen starker sozialer Akteure als Hauptproblem des heutigen Brasiliens erörtert. Abschließend werden wahrscheinliche Szenarien für die Entwicklung des Landes untersucht und die Situation mit anderen "Schwellenländern", einschließlich der asiatischen Giganten China und Indien, verglichen.

Während in der Welt Putins ideologische Bezugspunkte solche Philosophen wie Iwan Alexandrowitsch Iljin (1883 bis 1954) sind, der Adolf Hitler, Benito Mussolini, Francisco Franco und António de Oliveira Salazar bewunderte, warnte Krasilschtschikow in einem seiner letzten Aufsätze in russischer Sprache, erschienen in "Sot͡siologicheskie Issledovaniı͡a" (Mai 2018) mit Karl Marx davor, dass die Traditionen aller toten Generationen wie ein Alptraum auf den Köpfen der Lebenden lasten. Und gerade dann, wenn die Menschen damit beschäftigt zu sein scheinen, sich und ihre Umgebung neu zu gestalten und etwas noch nie Dagewesenes zu schaffen, beschwören sie gerade in solchen Epochen der revolutionären Krise ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrer Hilfe herauf, leihen sich von ihnen Namen, Schlachtrufe und Kostüme, um in diesem geheiligten Gewand der Antike, in einer geliehenen Sprache die neue Szene der Weltgeschichte zu spielen.

Und wohl eindeutig auf Putin gemünzt, der so gerne Zar Alexander III. als sein Vorbild nennt, sagte Krasilschtschikow über die Franzosen und Napoleon III: "Sie bekamen nicht nur eine Karikatur des alten Napoleon, sie bekamen den alten Napoleon selbst in einer Karikatur". Und der russische Ökonom setzt mit aller Wucht seiner ihm eigenen Ausdrucksweise als Warnung für das heutige Russland hinzu: "Was den Achtzehnten Brumaire von Louis Bonaparte (von Karl Marx) im Allgemeinen als wissenschaftliches Werk betrifft, so liegt seine Hauptbedeutung für uns in seiner (für Russland höchst relevanten) Warnung: Das Aufkommen von Massenarmut und übermäßiger sozialer Ungleichheit ist nicht nur mit revolutionärem Aufruhr, sondern auch mit politischer Reaktion verbunden."