Russland ist im Unterschied zu den USA und zu Westeuropa wirtschaftlich nur ein mittelgroßes Land, das BIP war schon vor dem Überfall auf die Ukraine kaum höher als jenes Spaniens. Wladimir Putins Angriff ist bereits stecken geblieben und wird am Widerstandswillen der Menschen in der Ukraine und der Entschlossenheit des "dekadenten" Westens gründlich scheitern. Es wird nur noch wenige Tage, maximal Wochen dauern, bis der letzte russische Hauptmann erkannt haben wird, dass der Überfall eine Fehlentscheidung war und das Festhalten an der "Heimholung ins russische Reich" nur in einem noch größeren Desaster enden kann, das Russland um Jahrzehnte zurückwerfen und nicht größer, sondern kleiner machen würde. Jetzt ist ein Ausstieg gerade noch möglich - der Schuldige (wenn auch nicht der allein Schuldige) steht ja fest. Das "große" Russland muss nicht mit seinem "Führer" untergehen.

Raimund Dietz ist ehemaliger Mitarbeiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche und Geldforscher. - © privat
Raimund Dietz ist ehemaliger Mitarbeiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche und Geldforscher. - © privat

Vielleicht ist dieser Krieg die große Chance, endlich allen Diktatoren und den von ihnen verführten Völkern klarzumachen, dass Größe nicht durch militärische Überfälle, sondern nur durch ein zivilisiertes Staatswesen möglich ist - das freilich, wie Westeuropa jetzt endlich versteht, auch wehrhaft sein muss. Die Russen können das gerade von den Deutschen lernen, denen sie ihre Großmannssucht verdanken, weil sie diese 1945 nach wahnwitzig hohen Opfern von der Nazi-Herrschaft "befreit" haben. Die Deutschen haben nach zwei verlorenen Weltkriegen ihre Großmachtfantasien gründlich abgelegt und sind gerade deshalb wieder zu einer in der ganzen Welt geachteten Nation aufgestiegen. Die Stunde ist da, dass auch Russland diese Lektion lernt.

Der Westen darf nicht den Eindruck erwecken, Russland wirtschaftlich plattmachen zu wollen. Er sollte allen Russen vermitteln: Wir kämpfen nicht gegen euch, sondern nur gegen Putin und sein System. Daher brechen wir die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen nicht ab - wir unterbrechen sie nur; das aber umso radikaler. Die Botschaft des Westens, jetzt aufrüsten zu wollen - die Effekte können erst in etlichen Jahren eintreten -, ist gefährlich. Wir müssen allerdings unsere ganze Wehrhaftigkeit in die Waagschale werfen und dürfen uns keinesfalls einschüchtern lassen.

Putins historischer Beitrag in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand darin, den Zerfall des Landes und damit das Schlimmste verhindert zu haben - heute führt er Russland in eine Katastrophe. Mit Putin wird die Nation klein. Würde sie ihn rasch los, könnte viel Schlimmeres vermieden werden. Freilich muss dann auch noch der Putinismus, ein Amalgam von Zarismus, Stalinismus und Kleptokratie, überwunden werden.

Möglicherweise rundet sich der Lauf der Geschichte ab. Viele Russen schmerzt der Absprung Kiews, der Stadt, in der sie den Ursprung ihrer Geschichte verorten. Vielleicht entdecken es nun aber mehr und mehr neu: Als Hort von Werten, ohne die sich keine Gesellschaft gut entwickeln und zu wahrer Größe aufsteigen kann. Auf dieser Basis könnten sich Russen und Ukrainer neu versöhnen und für Europa ein großer Gewinn werden.