Die freie, demokratische Welt ist sich einig: Das militärische Aggressionspotenzial von Wladimir Putins Regime muss geschwächt werden. Wirtschaftssanktionen könnten dazu mittel- bis langfristig beitragen. Doch eine weitere Schwächungsmöglichkeit bleibt derweil ungenutzt. In manchen westlichen Ländern werden russische Künstler von Veranstaltungen ausgeladen, Sportler dürfen nicht an Wettkämpfen teilnehmen, und Universitäten setzen Austauschprogramme sowie Kooperationen mit russischen Forschern aus. Russisches Humankapital droht dadurch in die Arme des Regimes getrieben zu werden.

David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow am Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA), Fellow am Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST), Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues (IREF), Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University) sowie Mitglied des Walter-Eucken-Instituts. - © privat
David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow am Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA), Fellow am Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST), Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues (IREF), Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University) sowie Mitglied des Walter-Eucken-Instituts. - © privat

Statt russische Künstler, Sportler, Forscher oder Studierende zu diskriminieren, sollte ihr Handlungsspielraum fruchtbar erweitert werden, sodass sie sich einfacher vom Regime lossagen und auch mit ihren Füßen gegen den Kreml stimmen können. Je glaubwürdiger die Auswanderungsdrohung der Talentierten, desto weniger Humankapital kann das Regime missbrauchen.

Vier ökonomische Mechanismen spielen dabei eine Rolle.

Erstens ist es für Autokraten und ihre Entourage zentral, dass die talentiertesten Köpfe keine attraktiven Alternativen zum Regime haben. Stehen diese glaubwürdig zur Verfügung, werden sie auch genutzt.

Zweitens verbessert eine Exit-Alternative die Möglichkeit, im Inland Kritik zu üben. Zur Not kann man eben auswandern. Wird umgekehrt das Ausland für Künstler oder Forscher aufgrund von Diskriminierung oder Ähnlichem unattraktiver, gewinnt für sie die "Kollaboration" mit dem Regime an Bedeutung.

Drittens bekommen Autokraten Angst, wenn ihre Bürger frei reisen können. Denn der um ein Vielfaches höhere Lebensstand im Ausland, gekoppelt mit Bürgerrechten, zeigt allen Reisenden glasklar, wie dringlich es ist, das katastrophale Regime daheim zu beenden.

Viertens profitiert die freie, demokratische Welt direkt, wenn sie die talentiertesten Köpfe aus autoritär regierten Ländern herzlich willkommen heißt. Die Migration begabter Forscher im 20. Jahrhundert hat die USA stark gemacht.

Einer speziellen Gruppe potenzieller russischer Auswanderer könnte ein besonderes Angebot gemacht werden. So wäre russischen Offizieren die Option zu eröffnen, sich sofort im Westen eine neue Existenz aufzubauen. Sie sind oft fähige, belastbare Arbeitskräfte und auch zivil vielseitig einsetzbar. Ihre Auswanderung und die damit verbundene Waffenniederlegung könnten mit dem Angebot von Ausbildungsplätzen und der Zahlung eines "Entwaffnungsgeldes" von monatlich 1.000 Euro für ein Jahr unterstützt werden. Die ukrainische Regierung hat die Bedeutung individueller finanzieller Anreize für die Waffenniederlegung früh verstanden, nur sind ihre Angebote für russische Offiziere wenig glaubwürdig.

Viele neutrale Länder wie Finnland, Österreich, Schweden oder die Schweiz sind hingegen glaubwürdig. Selbst wenn alle aktiven russischen Offiziere kämen, wären die Kosten mit einmalig 3 Milliarden Euro überschaubar und lägen unter den Verteidigungsausgaben jedes einzelnen dieser Länder. Ein solches moralisches Angebot könnte die russische Kriegsmaschinerie schnell und nachhaltig schwächen.