"Mein Wortschatz reicht nicht dafür aus, um zu beschreiben, wie sich ein Bombenflugzeug am Himmel über dem Kopf anhört und anfühlt. Bis jetzt spüre ich ihn wie einen kühlen unaufhörlichen Schauder im ganzen Körper. Das Knirschen des Hauses und das Wackeln, als wäre es bloß aus Papier und Kleber gebaut. Eine Bombe im Abstand eines zehnminütigen Fußmarsches von uns entfernt zerstörte das Stadion und die Bücherei, eines meiner Lieblingsgebäude in der Stadt. Tschernihiw, überwiegend einstöckig und aus Holz gebaut, auf dessen Architektur wir noch vor kurzem so stolz waren, wurde nun zu einem Albtraum. Häuser flammen auf und verbrennen augenblicklich wie Zündholzschachteln."

Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk bei ihrer Rede zur Verleihung des Ukraine-Würdigungspreises im Wiener Rathaus. 
- © Katharina Schiffl

Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk bei ihrer Rede zur Verleihung des Ukraine-Würdigungspreises im Wiener Rathaus.

- © Katharina Schiffl

So berichtete die ukrainische Journalistin Vira Kuryko Mitte März aus ihrer Heimatstadt Tschernihiw, nördlich von Kyjiw, einer der ältesten und bedeutendsten Städte des mittelalterlichen Großfürstentums der Kyjiwer Rus. Seit Wochen bleibt Tschernihiw fast vollkommen von russischen Truppen blockiert. Zu Kriegsbeginn flüchtete Vira mit ihrem Mann und zwei Hunden in die Westukraine; am 3. März, als bereits Millionen das Land verließen, kehrte sie nach Tschrinihiw zurück. Ihre erste Kriegsreportage beendete sie mit dem Satz: "Wir sind zuhause."

Die ukrainische Journalistin Vira Kuryko wurde vom "Frauennetzwerk Medien" mit dem Ukraine-Würdigungspreises ausgezeichnet. 
- © Roman Zakrevsky

Die ukrainische Journalistin Vira Kuryko wurde vom "Frauennetzwerk Medien" mit dem Ukraine-Würdigungspreises ausgezeichnet.

- © Roman Zakrevsky

Ich kenne Vira Kuryko nicht persönlich, nur ihr erstes Buch "Die Straße der Mitschuldigen", das 2020 auf dem ukrainischen Büchermarkt viel besprochen und ausgezeichnet verkauft wurde. In dieser historischen Reportage beschreibt sie die Schicksale von ein paar Nachbarn, die in der Sowjet-Zeit den ukrainischen Bürgerrechtler und Dissidenten Lewko Lukjanenko verleumdet hatten. Dank ihrer falschen Aussagen wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt und erst kurz vor dem Mauerfall rehabilitiert und freigelassen. Ich habe das Buch auch deshalb sehr wichtig gefunden, weil die Aufarbeitung der eigenen Verantwortung für die sowjetische Vergangenheit ein großer Schritt der Ukraine Richtung Erwachsenwerden bedeutet. Vira ist es gelungen, Menschen in sanften Gesprächen zu den Geständnissen und Reflexionen zu bringen, ihr Schreibstil ist ebenso sanft wie klar, extrem kunstvoll und durchdacht.

Verletztliche Reportagetexte

Etwas anderes sind ihre Kriegsreportagen mit Titeln wie "Heute ist der achte Tag, seitdem ich von meinem Vater nichts mehr höre", "Die Stadt aus Holz ist fast vollkommen blockiert" oder "Zehn Tage in Tschernihiw". Einfach betitelt, sind diese Texte auch inhaltlich unzulänglich, sprachlich karg, es kommen Fehler vor, sie sind verletzlich, wie eine nackte Frau unter der Dusche es sein könnte. "Bis das Leitungswasser noch vorhanden war, duschte ich mich trotzdem nicht, berichtete die Journalistin, "ich würde mich schämen, nackt zu sterben."

Und sie schrieb auch: "Eines Tages war es still genug, und ich fuhr mit meinem Fahrrad durch die Stadt. Manchmal überkam mich das Gefühl, es sei alles in Ordnung, wie früher. Hier unser Kiefernwald, mitten in Tschernihiw, wo wir so gerne das Wochenende immer verbrachten. Viele Jahre verteidigten die Bürger diesen Wald gegen die Stadtverwaltung, die die Bäume fällen und das Gebiet bebauen wollte. Heute werden hier Menschen in einfachen hölzernen Särgen begraben, weil der Stadtfriedhof ständig beschossen wird. Ich besuchte meine Freundin. Sie kam aus dem Keller herauf, wir umarmten uns. Wir haben uns mehrere Wochen nicht gesehen. Es tat so gut, zum ersten Mal weinen zu können. Meine Freundin gab mir sechs Äpfel. Ich bot ihr Zigaretten an, aber sie sagte, ich habe noch welche."

Wie der Alltag im Krieg aussieht, wie die Menschen Menschen bleiben oder doch zu Tieren werden, wie sie überleben, wie sie sterben, wie sie lieben, all das erfahren wir nur dank solcher Texte. Es ist nicht leicht, sie zu lesen, so wie es nicht leicht ist, sie zu schreiben. Ich bewundere den Mut dieser Frau, aber auch vieler anderer, die trotz der Gefahr, gefangen genommen oder gar ermordet zu werden, in der Ukraine bleiben und versuchen, weiter ihre Arbeit zu machen. Damit wir wissen, was gerade geschieht.

Zwölf getötete Medienleute

Zwölf Journalisten, Kameramänner, Fotografen sind in der Ukraine bereits ums Leben gekommen. Darunter auch die russische Journalistin Oksana Baulina, die nach Kyjiw gekommen war, um die russischen Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Viktoria Roschtschyna, eine Journalistin von Hromadske TV, verbrachte eine Woche in russischer Gefangenschaft in Berdjansk. Oleg Baturyn, ein Journalist aus Nowa Kachowka, der ebenso entführt und gefoltert wurde, schrieb nach seiner Freilassung: "Fast ohne Nahrung. Ein paar Tage fast ohne Trinkwasser. Ich wusste nicht, wo ich bin, aber sie wussten genau, wofür. Sie wollten den anderen Journalisten ein Zeichen geben: Falls du weiter arbeitest, wirst du zerquetscht, du wirst tot sein." Journalisten und Journalistinnen bekommen Nachrichten mit Drohungen, dass sie im Falle der russischen Okkupation als Terroristen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Solche Drohungen haben mehrere Medienagenturen bekommen. Und trotzdem arbeiten sie weiter. Sie haben Angst, sie flüchten - und dann kommen sie wieder.

Am 22. März, als eine Granate unweit vor ihr explodiert ist, flüchtete Vira Kuryko zum zweiten Mal aus Tschernihiw. Nun, schwer traumatisiert, bleibt sie in Lwiw, heute ist eine weitere Reportage von ihr erschienen, ihr Mann ist im Krieg. Ich möchte diesen Ukraine-Würdigungspreis an diese tapfere Frau weitergeben, mit dem bitteren Verständnis, dass praktisch alle ukrainischen Journalistinnen und Journalisten dringend Unterstützung brauchen. Alle Medien, wie die Sender Suspilne und Hromadske, Internet-Portale wie LB (Liwyj Bereg), HB (Nowoje Wremja) etc. brauchen Unterstützung.

Ich bedanke mich herzlich beim "Frauennetzwerk Medien" und bei der Wien Holding für ihre Unterstützung und für die Möglichkeit, heute hierher zu kommen und diese Worte an Sie, liebe österreichische Journalistinnen, zu richten. Auch Ihnen möchte ich für Ihre tägliche Berichterstattungen über den verheerenden Angriffskrieg Russlands an die Ukraine danken.

Möge die Wahrheit über die Lüge siegen. Möge die Wahrheit auch über den Tod siegen.