"Sobald Truppen eingesetzt werden, haben sie etwas zu erreichen - ansonsten gibt es keine Grundlage für die Politik, auf dem Verhandlungsweg zu gewinnen. Daher kann der Zweck militärischer Operationen nicht darin bestehen, nur eine Niederlage abzuwenden, sie müssen zu einem Sieg führen." Mit diesem Satz hat der geistige Vater der "AirLand Battle"-Doktrin, US-General Donn A. Starry, die Logik eines konventionellen Krieges nüchtern und brutal auf den Punkt gebracht.

Rafael Krendelsberger hat sich eingehend mit Militärgeschichte befasst. 
- © privat

Rafael Krendelsberger hat sich eingehend mit Militärgeschichte befasst.

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Was kann die ukrainische Führung als Faustpfand für spätere Verhandlungen einsetzen? Ihre Streitkräfte konnten zwar den russischen Vormarsch verlangsamen und stellenweise sogar zu kleineren Gegenangriffen übergehen. Das lässt sich aber nicht auf dem Verhandlungstisch eintauschen. Zudem reagiert die russische Führung auf ihre Fehler im ersten Kriegsmonat und ändert nun ihr Vorgehen: Die Kräfte, die vergeblich versucht haben, Kiew und Tschernihiw zu erobern, sollen dem Anschein nach jetzt den Schwerpunkt im Südosten verstärken, um die dortigen ukrainischen Verbände einzukesseln und zu vernichten.

Nach konventioneller militärischer Logik kann eine kleinere Streitmacht eine größere nur dann besiegen, wenn sie irgendwann zur Offensive übergeht. Als Beispiel mag die Endphase des Oktober-Kriegs 1973 dienen, als die israelische Armee nach einer verlustreichen Verteidigungsphase auf der Sinai-Halbinsel Ägyptens Dritte Armee in einem Gegenangriff einschloss, womit Israel ein erstklassiges Druckmittel für die Waffenstillstandsverhandlungen in die Hand bekam.

Jetzt wäre für die ukrainischen Streitkräfte ein guter Zeitpunkt, zur Gegenoffensive, sofern die Berichte über die geringe Kampfmoral und die miserable Versorgungslage der russischen Invasoren stimmen. Den Verteidigern mangelt es jedoch nach einem Monat Krieg an den notwendigen schweren Waffen wie Langstrecken-Flugabwehrsystemen, Flugzeugen, Artillerie und Panzerfahrzeugen. Die vom Westen gelieferten Geräte, vor allem tragbare Boden-Luft- und Panzerabwehrwaffen, sind lediglich Lückenbüßer mit begrenzten Einsatzmöglichkeiten.

Hier wurden die ukrainischen Streitkräfte Opfer ihrer eigenen Öffentlichkeitsarbeit: Die vielen auf Sozialen Medien geposteten Videoclips von russischen Panzerfahrzeugen, die Opfer von "Javelin"- oder "NLAW"-Panzerabwehrlenkwaffen wurden, suggerieren, alleine mit diesen Waffen ließe sich der Krieg gewinnen. Unbeachtet bleibt, dass die gezeigten Situationen gar nicht typisch für den Charakter dieses Konflikts sein müssen. Der Großteil des Krieges spielt sich nämlich im Verborgenen ab: Stimmen die kolportierten russischen Verlustzahlen auch nur zu einem Bruchteil, dann könnten in der Ukraine Kämpfe von einer Intensität wie im Zweiten Weltkrieg toben - und davon ist in den Sozialen Medien kaum etwas zu sehen.

Letztendlich werden Panzerverbände wegen ihrer Mobilität und Feuerkraft entscheidend für den Ausgang des Krieges sein. Die ukrainischen Streitkräfte könnten damit ihre größere Flexibilität und besseren Kommunikationsfähigkeiten in reale Vorteile ummünzen - dafür müssen sie sie aber erst einmal in die Hand bekommen.