Am ersten Tag der russischen Invasion, am 24. Februar, als die Welt noch erstarrt beobachtete, wie die Diplomatie und die Androhung von Sanktionen den Krieg nicht aufgehalten hatten, sprengte der ukrainische Marinesoldat Witalij Skakun sich selbst und eine strategisch wichtige Brücke bei Henitschesk, welche die russischen Panzer für den Vormarsch im Süden der Ukraine nutzen wollten, in die Luft. Für seine Tat wurde ihm posthum von Präsident Wolodymyr Selenskyj der Titel eines Helden der Ukraine verliehen.

Am 23. März zerstörten die Russen die Brücke über den Fluss Desna, die Tschernihiw mit Kiew verbunden hatte. Somit machte Russland jede Evakuierung aus Tschernihiw unmöglich, um die Stadt ins nächste Mariupol zu verwandeln. Meine ehemalige Uni-Kollegin, ihre Mutter und ihre Katze Bussja sind in der isolierten, ständig unter Beschuss stehenden Stadt ohne Strom und Wasser geblieben. Lange Zeit habe ich nicht gewusst, ob sie noch leben. Lange Zeit habe ich gefürchtet, dass sie an Hunger und Krankheiten oder unter Bomben sterben könnten.

Ganna Gnedkova, geboren 1992 in Kiew, hat Literaturwissenschaft studiert und lebt als Autorin, Übersetzerin und Journalistin sowie Ansprechperson des Medienzentrums der Ukrainischen Community in Wien. - © Georgii Kravchenko
Ganna Gnedkova, geboren 1992 in Kiew, hat Literaturwissenschaft studiert und lebt als Autorin, Übersetzerin und Journalistin sowie Ansprechperson des Medienzentrums der Ukrainischen Community in Wien. - © Georgii Kravchenko

Anfang April habe ich die Fotos aus den befreiten Kleinstädten Butscha, Irpin, Hostomel und Borodjanka gesehen, wo alte Männer gefoltert und mit hinter den Rücken gebundenen Händen erschossen worden waren, wo Kinder und Frauen von den russischen Okkupanten vergewaltigt, erhängt, verbrannt und von Panzern überrollt worden waren. Ich habe verstanden, dass der Tod, heute ein Meister aus Russland, noch Schlimmeres im Arsenal hat, als ich gefürchtet hatte.

"No War" oder "No to War"?

In Zeiten wie diesen bekommt man unterschiedlichste Hilfsangebote. Darunter gutgemeinte Einladungen zu Benefizkonzerten oder Lesungen, bei denen russische, belarussische und ukrainische Künstlerinnen und Künstler in einen Dialog über den Krieg treten sollen. "Give peace a chance", "Stop War" und "No War" - das sind die Slogans solcher Veranstaltungen, und jene, die sie konzipieren, wundern sich oft, warum viele ukrainische Künstlerinnen und Künstler momentan nicht bereit sind, ihre Einladungen dazu anzunehmen.

Wenn sich die Ukrainer vom (vermeintlich) friedensstiftenden Dialog abwenden - bedeutet das etwa, dass sie diesen Krieg wollen? Gibt es in der Ukraine wirklich diese Russophobie, vor der Präsident Wladimir Putin die Russischsprachigen schützen zu wollen behauptet? Sind die Ukrainer vielleicht doch ein wenig selber schuld an diesem Krieg? Diese Fragen basieren auf einem Missverständnis.

Als ukrainische Autorin in Österreich wurde ich auch schon zu solchen Kooperationen eingeladen. In einer der Einladungen stand, es sei ein Versuch, eine kleine "Brücke" zwischen zwei "Fronten" zu bauen. Ja, mit Anführungszeichen. Aber ich lese diesen Satz ohne. Gegen russische Propaganda, aber auch gegen Missverständnisse und Fehleinschätzungen - das ist die Art von Kampf, die ich führe, weil ich keinen Waffenschein habe und weil es mir als bester Einsatz meiner Fähigkeit erscheint.

Es ist nicht nur Putins Krieg

Ich baue keine Brücken, solange der Krieg gegen mein Land nicht vorbei ist. Solange Russland sich seiner kollektiven Schuld nicht bewusst geworden ist denn man muss betonen, dass es nicht nur Putins Krieg ist. Die russischen Soldaten wissen heute sehr wohl, in welchem Land sie sich befinden und wie viele Zivilistinnen und Zivilisten sie töten. Das russische Volk hatte bis vor kurzem Zugang zu allen Medien, und trotzdem unterstützt die Mehrheit dort den Krieg.

An wen richten sich also die Slogans solcher Veranstaltungen? Meint man mit "No War" wirklich ein "No to War" oder eher, dass es "no war" gibt, keinen Krieg also, nur einen Konflikt zwischen zwei vorgeblichen "Brüdern", der auch nur diese beiden betrifft; einen Konflikt, in den man sich nicht einmischen sollte? "Stop War" wer soll aufhören, Krieg zu führen? Wenn man Russland, Belarus und die Ukraine an einem Tisch hat, richten sich diese Slogans wohl eher nur an zwei der drei eingeladenen Diskutanten. An jene zwei nämlich, die ihre Aggression gegen den dritten weiter fortsetzen und schon lange keine ehrlichen Verhandlungen mehr führen, schon lange kein internationales Abkommen mehr ernst genommen haben.

An wen wenden sich die oppositionellen russischen und belarussischen Künstlerinnen und Künstler? Brauchen sie wirklich den Dialog mit uns, die wir schon wissen, was passiert und wessen Schuld es ist? Sollten sie ihre Redebereitschaft nicht lieber an ihre Landsleute richten, zumindest an die Minderheit, die Putin nicht unterstützt? Das sind die Fragen, die ich mir stelle, denn es gibt ein Missverständnis: "Give peace a chance" ist ein schöner Slogan, solange man unter "peace" nicht einen uns von Russland aufgezwungenen Frieden, einen Frieden zu Russlands Bedingungen meint. Solange man nicht einen Frieden meint, dem die Ukraine eine Chance geben soll, indem sie de facto kapituliert und sich unterwirft. Solange man sich nicht Ruhe und Frieden nur für sich selber, sondern für die Ukraine wünscht.

In der russischen Sprache übersetzt man sowohl "Frieden" als auch "die Welt" mit dem Wort "мир". Man könnte sich also fragen: Meinen die Russen, die uns ihre/n "русский мир" bringen wollen, damit nun die russische Welt oder den russischen Frieden? Die Fotos ukrainischer Städte sollten das anschaulich machen.

Gescheiterte Gespräche

In meiner Bibliothek steht das Buch "Todtnauberg: Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung" von Hans-Peter Kunisch, das ich vor der Invasion vorhatte zu lesen. Ich bin nicht dazu gekommen. Aber die Geschichte, die darin erzählt wird, kenne ich. Sie ist allgemein bekannt. Celan, der Dichter aus Tscherniwzi, dessen Eltern Opfer des Holocaust waren, traf in Freiburg den Philosophen Heidegger, dessen Denken von manchen als Rechtfertigung der nationalsozialistischen Ideologie bewertet wurde. Heideggers öffentliche Wahrnehmung wurde von seinem angeblichen Antisemitismus beschädigt, und er wünschte sich sehr, den Autor der "Todesfuge" zu treffen. Also folgte er der Einladung des Freiburger Germanisten Gerhart Baumann, als Ehrengast bei Celans Lesung zu erscheinen, sehr gerne. Er kümmerte sich sogar darum, dass alle Buchhandlungen Freiburgs die Werke Celans in ihren Schaufenstern ausstellten.

Das Gespräch der beiden fand am 24. Juli 1967 statt, als Deutschland bereits die meisten Reparationen bezahlt hatte. Aber das Gespräch scheiterte. Genauso wie die zwei darauffolgenden in den Jahren 1968 und 1970. Celan notierte dazu in einem Gedichtfragment: "Seit ein Gespräch wir sind, / an dem / wir würgen, / an dem ich würge . . ." Selbst im Jahr 1967, also 22 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verzichtete Celan auf ein gemeinsames Foto mit Heidegger in der Lobby eines Freiburger Hotels.

Inszenierte Begegnungen

Solche Fotos wünscht man sich im Jahr 2022. Man inszeniert sie. Dadurch kommt man dem eigentlichen Frieden aber nicht näher. "Beim Sound of Peace"-Konzert am 20. März in Berlin wurden zwei Kinder - ein ukrainisches Mädchen und ein russischer Bub - auf die Bühne gebeten, um die Schweigeminute für den Frieden vor dem Brandenburger Tor gemeinsam mit der Friedensglocke einzuläuten. Zunächst zögerten die Kinder vor dem bedrohlich aussehenden Klöppel - einem ehemaligen G3-Gewehr - zurück, machten dann aber doch, was die Erwachsenen von ihnen verlangten. Die Erwachsenen, die das Konzert veranstalteten, zögerten nicht, weil sie auf ein berührendes Foto aus waren. Weil man immer noch dem Mythos anhängt, die beiden Nationen wären Brüder, die sich nun endlich versöhnen sollten, damit die Erwachsenen aufatmen können. Das berührende Bild der erwünschten Versöhnung soll die grausamen Bilder des Krieges ersetzen.

Wir möchten keine grausamen Bilder ukrainischer Kriegsopfer mehr sehen. Aber momentan haben wir keine anderen. Keine bunten. Keine fröhlichen. Keine friedlichen. Stattdessen haben wir Fotos aus Butscha, Irpin, Hostomel, Borodjanka, Mariupol und Tschernihiw. Wir haben auch einige Fotos von Tschernihiws letzter Brücke, die die Russen zerstört haben.

Die Ukraine wird ihre Brücken nach dem Krieg wieder aufbauen. Sie wird dann selbst entscheiden, wo genau und welche. Bis dahin sollten ukrainische Brücken ausschließlich unter ukrainischer Kontrolle bleiben oder abgebrochen werden. Wenn man der Ukraine wahren Frieden wünscht, dann sollte man uns fragen, welche Art von Hilfe wir benötigen. Aber wundern Sie sich bitte nicht, wenn wir Ihnen auf diese Frage antworten, dass das Brückenbauen im Moment nicht dazugehört.