Importabhängigkeiten von asiatischen Medizinprodukten und Mikrochips oder russischem Erdgas verweisen auf die Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft. Klimawandel und Artensterben gehen derweil unvermindert weiter. Bisher wurden Beschaffungs- und Umweltrisiken von Politik und Unternehmen in Kauf genommen, weil die andere Seite der Medaille in billigen Einkaufspreisen bestand. Ein Verzicht darauf wäre mit Konkurrenznachteilen verbunden gewesen. Tiefpreise sind das Resultat der Ausbeutung von Menschen und Natur in den Ländern des globalen Südens sowie signifikant fallender Transportkosten. Allerdings berücksichtigen diese nur einen Teil der volkswirtschaftlichen Kosten. Als Folge davon leben wir in einer Welt der Scheineffizienz, die von außen betrachtet durch die riesigen Warenmengen gut aussehen mag, aber tatsächlich eine ineffiziente Verwendung wertvoller Ressourcen bedeutet.

Globale Lieferketten ermöglichen Niedrigpreise und haben das Modell des Massenkonsums nach den Prinzipien der linearen Ökonomie perfektioniert: Take - Make - Waste. Ehemals langlebige Konsumgüter wie Elektrogeräte, Möbel oder Kleidung sind nur noch kurzlebig. Fast Fashion, Food Waste und Destroy-Stationen zur Zerstörung von nicht verkaufter Neuware bei Amazon beschreiben damit verbundene Problemlagen. Die Folge ist ein hoher Ressourcen- und Energieverbrauch, der sowohl in der Rohstoffgewinnung und Verarbeitung als auch bei der Müllentsorgung unseren Planeten an seine ökologischen Grenzen bringt. Dabei gehen 70 Prozent der industriellen Treibhausgasemissionen auf die Herstellung von Grundstoffen wie etwa Stahl oder Kunststoffen und mehr als 90 Prozent des Verlusts an Biodiversität auf die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen zurück. Berücksichtigt man auch die Importe, ist der Rohstoffverbrauch in Österreich von 1990 bis 2015 um 52 Prozent gestiegen.

Die Abfälle des einen werden zum Werkstoff des anderen

Christian Reiner ist Professor für Ökonomie und Statistik an der Lauder Business School in Wien. - © Jorit Aust
Christian Reiner ist Professor für Ökonomie und Statistik an der Lauder Business School in Wien. - © Jorit Aust

Ganz im Gegensatz zur linearen Wegwerfwirtschaft gibt es in einem intakten Ökosystem keine Abfälle, weil Ressourcen in Stoffkreisläufen geführt werden. Die Anwendung dieses Prinzips auf Wirtschaftssysteme bezeichnet man als Kreislaufwirtschaft. Die Realität ist von diesem Ideal freilich weit entfernt. Weltweit werden weniger als 10 Prozent der Rohstoffe im Kreis geführt, die Zirkularität nimmt im Zeitablauf ab statt zu, und es wird mit einer signifikanten Zunahme von Material- und Energieverbrauch bis 2050 gerechnet. Österreich liegt bei der Recyclingquote unter dem Wert für die EU-27, während der Materialverbrauch pro Kopf deutlich darüber liegt.

Für eine Kreislaufwirtschaft ist die Vermeidung von Abfällen zentral. Um die Ressourcenproduktivität zu erhöhen, bedarf es vor allem einer Änderung im Produktdesign, das für 80 Prozent des ökologischen Fußabdrucks eines Produkts verantwortlich ist. Güter müssen durch sorgsame Materialauswahl und modulare Konstruktion reparierbar, nachrüstbar und damit langlebig gemacht werden. Recycling muss von Beginn an mitgeplant werden, etwa durch eine Vermeidung von Verbundstoffen.

Innovative Geschäftsmodelle ermöglichen weitere Materialeinsparungen. Dabei geht es zum einen um die Steigerung der Nutzungsintensität von selten genutzten Gütern. Nicht genutzte Autos, Häuser oder Elektrogeräte können über digitale Plattformen vermietet werden. Zum anderen gehen Unternehmen dazu über, gebührenpflichtige Serviceleistungen von materiellen Gütern zu verkaufen. Das Eigentum an den Sachgütern bleibt bei den Unternehmen. Philips oder Zumtobel bieten zum Beispiel Licht als Service an: Der Kunde kauft nicht mehr Lampen, sondern zahlt für die Beleuchtungsleistung. Damit ändern sich die Anreize: Statt möglichst viele Lampen zu verkaufen, ist es jetzt vorteilhaft, Geräte zu installieren, die lange halten und wenig Wartung benötigen.

Durch Recycling von Rohstoffen, Reparieren und Wiederverwenden sinkt die Abhängigkeit von internationalen und volatilen Märkten. Dies hängt mit dem regionalen Charakter von Kreislaufwirtschaften zusammen. So kooperieren im Rahmen einer industriellen Symbiose lokale Industrieunternehmen, indem die Abfälle des einen zum Werkstoff des anderen werden. Auch Reparaturdienstleistungen sind regional organisiert, und für den Bereich Energie zeigt der Bezirk Murau, wie man durch die Anwendung kreislaufwirtschaftlicher Prinzipien energieautark werden kann.

Diese Regionalisierung würde auch die globale Resilienz steigern. Die hohe Konzentration von Produktionsanlagen in einigen wenigen Ländern der Welt würde durch eine geografische Diversifizierung abgelöst, sodass Weltregionen einander im Krisenfall gegenseitig unterstützen könnten. Letztlich ist langfristige Resilienz ohne ökologische Nachhaltigkeit nicht möglich. Nur durch eine Reduktion des ökologischen Fußabdrucks mittels einer Kreislaufwirtschaft wird es uns gelingen, die Klima- und Biodiversitätskrise in den Griff zu bekommen.

Unternehmensmacht und Rebound-Effekte

Ein wesentlicher Grund für die schlechte Performance liegt in der Macht von Konzernen begründet, die durch Lobbying und Marketing Politik und Gesellschaft für ihre Profitinteressen gewinnen können: von Ölkonzernen, die lange Zeit klimapolitische Maßnahmen verhindert haben, bis hin zu Eletronik- oder Bekleidungsfirmen, die bewusst die Lebens- und Nutzungsdauer ihrer Produkte reduzieren oder den Markt für Gebrauchtgüter durch Monopolisierung zerstören, um den Absatz von Neuprodukten nicht zu kannibalisieren. Solche Unternehmensstrategien sind weit verbreitet und wären in einem Wettbewerbsmarkt nicht möglich. Konzerne wählen eine gewinnmaximierende Lebensdauer, und die stimmt ohne weitere Regulierung nicht mit dem überein, was für die Gesellschaft optimal wäre.

Es ist kein Zufall, dass die geplante Verkürzung der Brenndauer von Glühbirnen auf 1.000 Stunden durch ein weltweites Kartell marktbeherrschender Unternehmen wie Osram, Philips oder General Electrics erfolgte. Die Folge: Glühbirnen in der DDR brannten doppelt so lange wie in Westdeutschland. Auch die Kurzlebigkeit von iPhones hat schon die Wettbewerbshüter beschäftigt, und Apple musste in Italien und Frankreich Millionenstrafen zahlen. Laut Apple erfolgte die Verlangsamung nach Updates des Betriebssystems freilich nur, um die Laufzeit der Akkus zu verlängern, die sich - erraten - auch nicht wirklich einfach wechseln lassen.

Eine Kreislaufwirtschaft kann internationale Abhängigkeiten, die Extraktion von Rohstoffen, den Energieeinsatz und das Abfallaufkommen reduzieren und steigert damit die Ressourceneffizienz. Das ist zunächst positiv, hat aber auch Tücken. Das Jevons-Paradoxon zeigt, wie im England des 19. Jahrhunderts stetig effizienter werdende Dampfmaschinen die Kohlenachfrage verstärkten. Höhere Effizienz führt eben auch dazu, dass Ressourcen frei werden, deren Verwendung einen Teil der Effizienzeinsparungen über Rebound-Effekte zunichte machen. Es braucht also mehr als nur mehr Effizienz.

Freilich gibt es viele, die unter materieller Not leiden. Für alle anderen aber wird es keine realistische und ökologisch tragfähige Alternative zu mehr Frugalität im materiellen Konsum geben. Dank Kreislaufwirtschaft kann aber auch solch ein Dasein eine hohe Lebensqualität aufweisen.