Das Rezessionsszenario wird immer deutlicher. Es ist zu erwarten, dass der IWF seine Ende 2021 veröffentlichte Schätzung des globalen Realwachstums von 4,4 Prozent für das Jahr 2022 jeden Moment zurücknimmt. Es ist mit einer dürftigen Anpassung zu rechnen, vielleicht im Einklang mit der EZB, die am 10. März ihre Prognose zum heurigen realen Wachstum in der Eurozone um bescheidene 0,5 Prozent reduzierte. Laut EZB wird die Eurozone ein immer noch robustes reales Wachstum von 3,7 Prozent statt 4,2 Prozent vor dem Ukraine-Krieg erreichen. Mit weiteren Anpassungen ist zu rechnen.

Die Analyseabteilungen der Universalbanken in den USA und der EU gehen von größeren Einbrüchen aus und rechnen mit einer globalen Wachstumsverlangsamung von etwa 1,5 Prozent. Bei vormals Schätzungen von mehr als 4 Prozent bewegt sich die Bandbreite der Ergebnisse jetzt zwischen 2,5 und 3,5 Prozent. Der allgemeine Konsens geht nach wie vor davon aus, dass die Wachstumsmotoren widerstandsfähig bleiben, da die Schwellenländer und die Volkswirtschaften der Industrieländer (wieder) nachhaltige fiskalische Unterstützung und eine großzügige geldpolitische Akkommodation anwenden, die die Wirtschaftsakteure von einer Rezession verschont.

Peter De Coensel ist Chief Executive Officer (CEO) des Finanzdienstleisters DPAM (Degroof Petercam Asset Management). - © DPAM
Peter De Coensel ist Chief Executive Officer (CEO) des Finanzdienstleisters DPAM (Degroof Petercam Asset Management). - © DPAM

Ungeachtet dessen signalisierte vor der Pandemie ein Rückgang des globalen Realwachstums unter 3 Prozent das Risiko einer Rezession. Das Stagflationsszenario wurde zum vorherrschenden Szenario. Die Marktbedingungen, wie sie in den 1970ern herrschten, lassen sich gut erkennen. Da der Markt aber die Auswirkungen der nicht länger stabilen Inflation auf das potenzielle Wachstum und die Rentabilität der Unternehmen abschätzen kann, befinden sich die Arbeitsmarktbedingungen heute auf der völlig anderen Seite des Spektrums als in den 1970ern.

Arbeitsmarktbedingungen weltweit angespannt

Dennoch verlaufen die Übertragungskanäle bei Stagflation entlang der traditionellen Denkrichtung und konzentrieren sich auf die Preisgestaltungsmacht. Trotzdem sind die Arbeitsmarktbedingungen weltweit angespannt. Die Arbeitslosenzahlen in den USA (3,8 Prozent) und in der EU (6,2 Prozent) erreichen neue Rekordtiefs. Angesichts der angespannten Lage auf den Arbeitsmärkten heute, aber auch auf längere Sicht, sollten die Unternehmen vorsichtig sein, wenn sie sich auf wirtschaftlichen Gegenwind vorbereiten. In der bevorstehenden Stagflation werden erfolgreiche Unternehmen ihre Preis- und Margenstärke mit ihren Fachkräften kombinieren.

Die Fähigkeit, die Produktivität, die Effizienz, den Kundenservice und die Kundenzufriedenheit zu steigern, wird zum Unterscheidungsmerkmal zwischen unterdurchschnittlichen, durchschnittlichen und erfolgreichen Geschäftsmodellen. Ein allgemeiner, kurzfristiger Rentabilitätsrückgang (geringerer Gewinn je Aktie in den nächsten zwölf Monaten) kann sich schneller normalisieren, wenn die unternehmenseigenen Fachkräfte - also der Faktor Mensch - gefördert werden, aber auch neues Personal (von der Konkurrenz) an Bord geholt werden kann. Fachkräfte werden zu einem wichtigen Hebel, um Marktanteile zu gewinnen.

Die Macht der Fachkräfte hat sich zu einer notwendigen Voraussetzung für die Erzielung von Preismacht entwickelt. Die zunehmende Automatisierung hat zu einer Kommerzialisierung von Produkten und Dienstleistungen geführt. Die Automatisierung im Allgemeinen und die fortgeschrittene Verfahrenstechnik im Speziellen haben das Gleichgewicht der Abhängigkeiten bei den Produktionsfaktoren verschoben. Kapital und natürliche Ressourcen sind weiter im Überfluss vorhanden.

Daten haben Erdöl als Hauptfaktor abgelöst

Natürliche Ressourcen als Produktionsfaktor erfordern einen Übergang weg von fossilen Brennstoffen hin zu CO2-neutralen Lösungen. Die Interessen der Finanz- und der Realwirtschaft haben sich in den vergangenen Jahren einander angenähert. Die Kapital- und Kreditmärkte sind intakt. Die Tatsache, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik normalisieren müssen, da die Fehlallokation von Kapital (Spekulation) seit 2009 zugenommen hat, ist zu akzeptieren.

Damit bleibt nur noch der Faktor Arbeitskraft übrig, der den Unterschied zwischen Marktführern und Verlierern ausmachen wird. In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir eine langsame Verschiebung des Gleichgewichts von einer Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen und kapitalbasierten Geschäftsmodellen hin zu Unternehmen erlebt, die hauptsächlich von ihren talentierten Fachkräften und der Monetarisierung der menschlichen Intelligenz eines Unternehmens leben. Talentierte Mitarbeiter haben die Fähigkeit, Daten zu verarbeiten und in intelligente Kundenlösungen und Produkte umzusetzen. Die Datenmodellierung wirkt sich direkt auf die Geschäfts- und Wettbewerbsfähigkeit aus. Daten haben das Erdöl als Hauptfaktor abgelöst, der nicht nur unsere Volkswirtschaften ankurbelt, sondern sie auch wachsen lässt.