24. Februar 2022: der Beginn des neuen Kalten Krieges zwischen Ost und West in der Ukraine; eines Konfliktes, der eigentlich seit Jahrzehnten teils lauter, teils leiser zwischen den Parteien herrscht. Es ist der Beginn des großen westlichen Widerstandes gegen den russischen Imperialismus im 21. Jahrhundert. Es geht um die Freiheit aller Menschen, die sich gegen die autoritären Regimes in Russland, in Belarus, in Teilen Georgiens, in Teilen von Moldau und in der Ukraine wehren.

Dora Ortner ist gebürtige Litauerin und lebt seit 14 Jahren in Österreich. Ihre Masterarbeit hat sie zur nationalen Sicherheitsstrategie Litauens und zur geopolitischen Taktik Russlands im 21. Jahrhundert geschrieben. - © privat
Dora Ortner ist gebürtige Litauerin und lebt seit 14 Jahren in Österreich. Ihre Masterarbeit hat sie zur nationalen Sicherheitsstrategie Litauens und zur geopolitischen Taktik Russlands im 21. Jahrhundert geschrieben. - © privat

Imperialistische Denkmuster sind präsenter als je zuvor. Besonders stark sind die postsowjetischen Länder davon betroffen. Dazu zählen auch die baltischen Staaten, die heute eigenständige Mitglieder der Nato und der EU sind. Nach russischer Lesart ist der Aufnahmeprozess der baltischen Staaten in die EU und die Nato auf einem illegalen Weg abgelaufen. Ein Vorwand für den Kreml, den Krieg gegen den Westen auszuweiten? Möglich.

Zumindest scheint die westliche Welt in einer neuen Wirklichkeit angekommen zu sein. In einer Wirklichkeit der großen Gefahren inmitten Europas. Allerdings ist diese Problematik kein neues Thema auf europäischer Ebene. Die Stationierung der russischen Truppen an den Grenzübergängen (sei es an den Grenzen der Ukraine oder der russischen Enklave Kaliningrad) ist ein bekanntes strategisches Instrument des Kreml gegen die postsowjetischen Staaten. Sie gehört zu den geopolitische Strategien Russlands, die seit einigen Jahren gezielt politischen Druck auf Europa ausüben.

Aber sie lösen noch viel mehr aus. Sie wecken Ängste, auch und vor allem im Baltikum, die immer greifbarer werden. In Estland, Lettland und Litauen wächst die Angst vor einer russischen Besetzung, vor einem Krieg mit einem der militärisch am stärksten gerüsteten Länder der Welt. In den baltischen Staaten ist die Sorge groß, dass sie nach der Ukraine die Nächsten sein könnten, die Wladimir Putin angreift. Erleben wir gar schon den Vorabend eines neuen Weltkrieges?

Viele Balten denken jetzt schon darüber nach, wohin sie im Falle eines Krieges fliehen könnten. Und ob sie nicht vorsorglich bereits jetzt das Land verlassen und sich eine Wohnung weiter westlich, etwa in Deutschland (und dort im Westen des Landes), besorgen sollten. Nicht wenige fürchten, dass ihnen bald erneut das Gleiche drohen könnte, was schon ihre Eltern und Großeltern oder auch sie selbst als Kinder erleben mussten: die Einschränkung der Freiheit und der Menschenrechte sowie der absolute Verlust der staatlichen Souveränität. All das freilich in einer anderen Dimension, in einer vielleicht etwas zivilisierteren Version. Und während in den 1960ern in der Sowjetunion die Menschen in Schlangen vor Lebensmittelgeschäften anstanden, um zum Beispiel einen Becher Sauerrahm zu bekommen, so stehen jetzt in Moskau die Menschenschlangen vor den Bankomaten an.

Die Parallelwelt wird bereits heute und jetzt konstruiert. Die Rückkehr der alten Denkmuster, die die damalige Weltordnung darstellen - die aber vielleicht auch für eine neue Weltordnung stehen? Eine große politische Frage, die sich wahrscheinlich nicht so rasch beantworten lässt. Eines ist aber klar: Die Entscheidungen müssen nicht morgen, übermorgen oder in zwei Wochen getroffen werden. Sondern jetzt.