6,8 Prozent Inflation sind nicht nichts. Für Kritiker der EZB, die am heutigen Donnerstag ihre nächste Zinssitzung abhält, ein gefundenes Fressen, warnten sie doch schon seit 2010 vor einer Inflation, die dann doch nie kam. Jetzt sollen schleunigst Zinserhöhungen her. Vor der Therapie braucht es aber eine Diagnose. Wer die Situation nüchtern betrachtet, muss mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 beginnen: Die Preise fielen teils star, vor allem der Ölpreis. Ein Jahr später folgte die Rückkehr von der Talsohle auf das "Normalniveau" des Dorfplatzes, was im Jahresvergleich wie ein enormer Anstieg wirkte. Eine weitere Komponente der Inflation sind weltweite Lieferengpässe. Corona-Lockdowns in den chinesischen Containerhäfen wirbeln den Welthandel durcheinander.

Alexander Huber ist Ökonom am sozialliberalen Momentum Institut. - © Momentum Institut
Alexander Huber ist Ökonom am sozialliberalen Momentum Institut. - © Momentum Institut

Die entscheidende Rolle spielte aber der Anstieg der Energiepreise. Zum einen ist der Ölpreis im Vorjahr wieder stärker gestiegen. Das liegt auch daran, dass die Opec-Staaten noch immer vergleichsweise wenig Öl fördern. Bei der übrigen Energie hängt Europa stark an Russlands Gashahn. Diese Abhängigkeit rächt sich jetzt, besonders in Österreich.

Das Angebot ist knapp, die Teuerung importiert. Wie lange die Unternehmen deswegen weiter die Preise erhöhen, weiß heute niemand. Durch den Krieg in der Ukraine ist hier kaum Besserung in Sicht. Grund genug für die Industrie, bereits vor einer Preis-Lohn-Spirale zu warnen. Zugegeben: Ein kleiner Teil der Teuerung ist hausgemacht. Die Hälfte davon wird aber von Unternehmensgewinnen getrieben. Statt bei Löhnen einzusparen, könnten die Unternehmen ihre Gewinnansprüche zurückfahren. OMV und Verbund denken nicht daran, erhöhen die Preise und nutzen den Krieg für eine außerordentlich schöne Gewinnspanne. Besonders absurd: Gastro und Hotellerie begründen ihre höheren Preise mit höheren Umsatzsteuern. Deren Senkung gaben sie 2020 aber nicht an die Gäste weiter.

Kann die EZB mit einer Zinserhöhung etwas gegen den Gaspoker, die Lieferverzögerungen oder die Marktmacht der Konzerne ausrichten? Nur mit Kollateralschäden. Klar ist der Mechanismus: Er nennt sich Nachfragezerstörung - die Zentralbank erzeugt mit hohen Zinsen absichtlich einen Wirtschaftseinbruch. Von hohen Energiepreisen bereits gebeutelten Firmen wird bei ihren Krediten die Zinsschraube fest angedreht, die Schuldenlast steigt. Sie investieren weniger und kündigen Mitarbeiter. Bauwirtschaft und Aktienkurse brechen als Erste ein. Nach ein paar Monaten "Therapie" steigt die Arbeitslosigkeit. Die Gewerkschaften verlieren Verhandlungsmacht. Die Arbeitgeber können die Kaufkraftverluste durch die Teuerung den Arbeitnehmern aufhalsen.

"Zinsen hinauf" ruft sich schnell. Am besten "im Namen der Kleinsparer". Doch die freuen sich nicht über weniger Kaufkraft beim Gehalt, sobald die Lohnsteigerung nicht mehr die Teuerung ausgleicht. Noch weniger über den Verlust ihrer Jobs in einem Wirtschaftseinbruch. Die Nebenwirkungen der Therapie können leicht ihren Nutzen übersteigen. Das übersehen die Kritiker.