Das aufgeklärte Zeitalter hat Gott den Prozess gemacht. Der Vorwurf der Anklage lautete, wie Gott all das Übel in der Welt zulassen könne. Aus dem göttlichen Weltenrichter wurde der absolute Angeklagte. Als man Gott schließlich für tot erklärte, wendete sich das Blatt. Nun wurde der Mensch von Seinesgleichen vor das große Weltgericht gezerrt. Die praktische Folge ist die Übertribunalisierung der modernen Gesellschaft, die der Philosoph Odo Marquard folgendermaßen beschreibt: "Der Mensch wird der absolute Angeklagte", was bedeutet, "dass fortan der Mensch wegen der Übel der Welt als absolut Angeklagter - vor einem Dauertribunal, dessen Ankläger und Richter der Mensch selber ist - unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät."

Ulrich H. J. Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. - © Hans Hochstöger
Ulrich H. J. Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. - © Hans Hochstöger

Das Letzte, womit wir in unserer gnadenlos übertribunalisierten Lebenswelt rechnen dürfen, ist Vergebung. Ohne Vergebung aber bleiben wir an die Folgen unseres Handelns gekettet, das sich nicht ungeschehen machen lässt und vorsätzlich oder unabsichtlich Schaden anrichten kann, der sich niemals wieder gutmachen lässt. Was wir als Gegengift benötigen, ist eine Kultur des Verzeihens und des Erbarmens.

Es war die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die auf die Bedeutung einer solchen Kultur nicht etwa nur für den privaten, sondern auch für den politischen Bereich hingewiesen hat. In der menschlichen Fähigkeit zu verzeihen besteht Arendt zufolge "das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit", dagegen nämlich, dass man Getanes nicht rückgängig machen kann. Und es war nach ihrer Ansicht Jesus von Nazareth, der dieses Heilmittel und seine Kräfte innerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten zuerst gesehen und entdeckt hat.

Wo es kein Verzeihen gibt, bleibt nur die Rache. Sie ist eine Form der Kompensation für entstandenes Unrecht, die in der Religionsgeschichte auch auf das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern, zwischen Lebenden und Toten ausgeweitet wird. Rache gebiert freilich neues Unrecht. Individuen, Gesellschaften und Religionen geraten so in eine Spirale von Rache, Gewalt und Gegengewalt hinein. Auch stößt die menschliche Möglichkeit zu vergeben an Grenzen, wenn Unrecht und Gewalt jedes Maß überschreiten und niemand das Recht hat, anstelle der Opfer zu verzeihen.

Christen glauben, dass Jesus selbst das von Arendt gesuchte Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit menschlicher Schuld ist, die in der Auflehnung des Menschen gegen Gott, in der Abkehr und Entfremdung von ihm ihren wahren Grund hat. Sie glauben, dass Gott in Jesus Christus war, um die Welt mit sich zu versöhnen. Das ist der Kern von Karfreitag und Ostern.

Der Karfreitag verkündigt den gekreuzigten Gott, der den Weg der Gewaltlosigkeit und der Feindesliebe geht. Ostern feiert den auferweckten Gekreuzigten. Der Karsamstag aber ist ein Symbol für unser Leben in einer Welt, die existiert, als ob es Gott nicht gäbe. Die biblische Tradition ermutigt dazu, den der Moderne entschwundenen Gott als verborgenen, das heißt, als allem Augenschein zum Trotz gegenwärtigen zu denken - vor allem aber: zu glauben.