Heute vor 52 Jahren wollte eine Studentenbewegung dem Washingtoner Establishment demonstrieren, dass die Natur ab sofort über eine starke Lobby verfügt. Die Amerikaner verbrauchten gerade große Mengen an verbleitem Benzin in schweren Autos, und sowohl die Industrie als auch der Großteil der westlichen Bevölkerung war blind, wie sehr die verschmutzte Umwelt die menschliche Gesundheit bedroht. Von daher ist es schon ein Erfolg, dass der Earth Day am 22. April bis heute Menschen auf der ganzen Welt mobilisiert, um Plastik aus dem Meer zu holen, Projekte zu regenerativer Landwirtschaft zu starten oder Schüler in Umweltfragen weiterzubilden. Doch diese wichtige Bewegung startete mit einem schwerwiegenden Rucksack.

Farhad Shikhaliyev ist Mobilitätsexperte und der österreichische Country Manager der Mobilitätsplattform Bolt. Zusammen mit Seedballs Kenya ermöglicht Bolt 2022 die Ausbringung von 25 Tonnen einheimischen Saatguts auf geschädigten Flächen in Kenia. Das entspricht der Pflanzung von 11 Millionen Bäumen. - © Bolt
Farhad Shikhaliyev ist Mobilitätsexperte und der österreichische Country Manager der Mobilitätsplattform Bolt. Zusammen mit Seedballs Kenya ermöglicht Bolt 2022 die Ausbringung von 25 Tonnen einheimischen Saatguts auf geschädigten Flächen in Kenia. Das entspricht der Pflanzung von 11 Millionen Bäumen. - © Bolt

Denn schon vor dem ersten Earth Day 1970 gaben US-Versorgungsunternehmen laut corpwatch.org mehr als 300 Millionen Dollar jährlich für Werbung aus - mehr als das Achtfache dessen, was die in ihren Anzeigen angepriesene Forschung zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung erhielt. Ein Wort dafür gab es erst 16 Jahre später: Greenwashing.

Als 1986 US-Hotelketten dafür warben, die Handtücher in den Zimmern wiederzuverwenden, meinte der Umweltschützer Jay Westerfeld: "Klingt nach einer guten Idee, lenkt aber massiv von den schwerer wiegenden, umweltschädlichen Geschäftspraktiken der Hotels ab." Er prägte den Begriff Greenwashing für irreführendes und unbelegtes Marketing, bei dem ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Unternehmen in Bezug auf Klimawandel, Umwelt oder Menschenrechte besser dargestellt wird, als es ist.

Heute pflanzt sogar die Formel 1 Bäume, und zwar laut Passus 3.2.8. im FIA-Regelwerk zehn Stück für jeden Punkt, den die Rennteams in der Konstrukteursmeisterschaft erkämpfen, auf deren Kosten. Gute Idee, oder? Im Vorjahr waren das 22.075 Bäume: 6.135 davon bezahlte Mercedes, 5.855 Red Bull und 3.235 Ferrari. Der zuletzt festgehaltene CO2-Ausstoß der Formel 1 soll 2022 insgesamt 155.104 Tonnen betragen haben - ein Baum kann pro Jahr im Durchschnitt 10 Kilo CO2 binden. Die Formel 1 müsste also mindestens 15 Millionen Bäume pflanzen und nicht 22.075.

Aber ist es überhaupt sinnvoll, Bäume zu pflanzen? Auch da hilft wieder eine kleine Rechnung: Im globalen Durchschnitt liegen laut dem deutschen Umweltministerium die CO2-Emissionen pro Kopf bei 4,9 Tonnen jährlich. Wir Österreicherinnen und Österreicher kommen übrigens leider auf ganze 8,3 Tonnen pro Jahr. Insgesamt betragen die globalen CO2-Emissionen 35 Milliarden Tonnen jährlich. Um das zu binden, bräuchte es 3,500 Billionen Bäume. Es gibt aber nur noch rund 3 Billionen Bäume auf unserem Planeten, und Jahr für Jahr werden es um 15 Milliarden weniger.

Die letzte wesentliche Zahl dazu: Mehr als die Hälfte der globalen Waldfläche liegt auf dem Gebiet von nur fünf Staaten: Einer (Russland) führt gerade Krieg, die anderen sind Brasilien, Kanada, die USA und China. Es liegt also in unserem ureigensten Interesse, so viele Bäume wie möglich zu pflanzen. Besonders in Gebieten, wo eine natürliche Wiederaufforstung unwahrscheinlich ist und ohne die Arbeit so vieler NGOs weiter Land verwüsten würde.