Die République Française ist weit mehr als "France métropolitaine", wie das europäische Kontinentalfrankreich genannt wird. Zum französischen Staatsgebiet gehören darüber hinaus nämlich auch noch zahlreiche Überseegebiete – das "France d’outre-mer". Zusammen haben Frankreichs Überseegebiete eine Festlandfläche von knapp 89.000 Quadratkilometern (zum Vergleich: Österreichs Staatsgebiet umfasst nicht ganz 84.000 Quadratkilometer). Unter Einbeziehung der jeweiligen Küstengewässer ergeben sich sogar beachtliche 550.000 Quadratkilometer.

Diese Departements haben die gleiche rechtliche Stellung wie Regionen im französischen Kernland. Die Bewohner aller Überseegebiete sind daher auch zur Wahl des französischen Präsidenten berechtigt. Zusammen stellen sie immerhin rund vier Prozent aller Wahlberechtigten. Und es gehört zur Tradition aller Präsidentschaftskandidaten, auch in diesen Gebieten Wahlkampf zu betreiben.

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und Internationale Beziehungen. 
- © privat

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und Internationale Beziehungen.

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Bereits bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 konnte Marine Le Pen von der rechtsextremen Partei Rassemblement National ausgerechnet in Frankreichs Überseegebieten ein überdurchschnittliches Wahlergebnis erzielen. Bei den diesmaligen Wahlen verstärkte sich dieser Trend massiv. Ginge es nach Frankreichs Restkolonien alleine, würde der künftige Präsident der Grande Nation Marine Le Pen heißen.

Andreas Brocza ist Politologe mit dem Schwerpunkt außereuropäischer Integrationsprozesse.  
- © privat

Andreas Brocza ist Politologe mit dem Schwerpunkt außereuropäischer Integrationsprozesse. 

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Dass ausgerechnet die extreme Rechte weit ab vom kontinentalen Heimatland politisch so stark punkten kann, war nicht immer so. Noch 1987, als Le Pens Vater Jean-Marie etwa einen Besuch auf Martinique angekündigte, bekam sein Flugzeug dort nicht einmal eine Landeerlaubnis. Noch bei den Präsidentschaftswahlen 2012 lag das Wahlergebnis des Front National in den Überseegebieten klar unter dem landesweiten Durchschnitt. 2017 gelang es jedoch Marine Le Pen mit einem klugen Wahlkampf in und für die Peripherie Frankreichs diesen Trend zu stoppen. Erstmals lag sie in Übersee weit besser als in Kontinentalfrankreich. Erreichte sie landesweit lediglich 33,9 Prozent, so konnte sie etwa auf Neukaledonien beachtliche 47 Prozent, auf Mayotte 43 und in französisch Polynesien 42 Prozent erzielen.

Gingen bei den Wahlen 2017 noch alle Überseegebiete an Emmanuel Macron, so war dies diesmal völlig anders. Von den zehn Übersee-Wahlkreisen konnte der amtierende Präsident nur noch drei für sich gewinnen (Neukaledonien, französisch Polynesien sowie Wallis und Futuna). Die sieben übrigen votierten mit klarer Mehrheit für Marine Le Pen. So sprachen sich Guadeloupe mit knapp 70 Prozent, Martinique mit 61 Prozent, Französisch-Guayana mit 61 Prozent, Mayotte mit 59 Prozent, La Réunion mit 60 Prozent, Saint-Pierre und Miquelon mit 51 Prozent sowie Saint-Martin und Saint-Barthélemy mit 55 Prozent für die Kandidatin des Rassemblement National aus. Zum Vergleich: das landesweite Gesamtergnis für sie lag bei 41,46 Prozent.

Wie bereits erwähnt, war Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2017 in den Überseegebieten überdurchschnittlich erfolgreich. Und dieser Erfolg war keineswegs dem Zufall geschuldet. Erstmals gab es ein detailliertes "Programme pour l’Outre-mer de Marine Le Pen pour la présidentielle 2017". Auf zwölf Seiten legte sie ihre Sichtweise und Pläne für die französischen Überseegebiete dar. In der Tradition französischer Etatisten bekannte sie sich voll zu diesem Teil Frankreichs und bezeichnet ihn als "integralen Bestandteil" der Grande Nation.

Sie forderte mehr Geld für die Gebiete und kündigt – für den Fall ihres Wahlsieges – umfangreiche Investitionen an. Der Handel mit traditionellen Produkten wie Bananen, Rum oder Zucker sollte durch EU-weite Schutzmaßnahmen gefördert werden. Die französische Marine sollte ausgebaut und die Sicherheit der Gebiete durch verstärkte Militärpräsenz abgesichert werden. Aktuellen Sicherheitsprobleme etwa in Mayotte durch die immer größere werdende illegale Migration von den Komoren und aus Ostafrika auf dieses EU-Gebiet in äußerster Randlage im Indischen Ozean sollte durch massive Verstärkung der Polizei- und Grenzschutzkräfte begegnet werden.

All diese Forderungen und Ankündigungen wiederholte sie auch bei der diesmaligen Präsidentschaftswahl in einem eigenen Kapitel ihres Wahlprogramms. Verstärkt wurde das ganze noch durch die Ankündigung einen eigenen "Ministère d’Etat de la France d’Outre-mer et de la politique maritime" schaffen zu wollen.

Nach Ansicht Marine Le Pens stellen die Überseegebiete "Frankreichs Außengrenze im 21. Jahrhundert dar", die mit allen Mittel zu sichern und zu verteidigen sei. Dass etwa auf Mayotte die Bevölkerung beispielsweise zu 98 Prozent aus sunnitischen Muslimen besteht, scheint die Galionsfigur der französischen Rechten dabei nicht zu stören. Einzig und allein der Schutz der französischen Heimat zählt. Und diese Heimat liegt für Le Pen dann eben auch mal in der Karibik, in Südamerika, im indischen Ozean oder eben auch im Pazifik. Frankreich ist dort, wo eine französische Fahne weht.

Und so bewahrheitete sich der Befund der vergangenen französischen Präsidentschaftswahlen neuerlich: Marine Le Pen schafft es, Worte und Symbole eines traditionellen Frankreichs zu kultivieren und verkörpert – zumindest, was ihre Überseepolitik angeht – damit eine Art Gaullismus: Grundsätzlich konservativ, strebt sie nach einem zentralistischen Staat und legt Wert auf die internationale Bedeutung Frankreichs. Damit wirkt sie patriotisch und kann gleichzeitig dem Prozess der europäischen Integration kritisch-ambivalent gegenüberstehen. Verfestigt sich diese Position über die kommenden Jahre weiter, eröffnet dies für die Wahl im Jahr 2027 ungeheure Möglichkeiten.