Weniger als zwölf Stunden dauerte es am Mittwoch dieser Woche von der Ankündigung bis zum Stopp der Erdgaslieferung aus Russland über eine der beiden Grenzstationen der Transit-Pipelines in der Ukraine nach Europa. Als Grund wird die Kriegssituation genannt. Gazprom ist angeblich nicht bereit, eine Umleitung über die noch offene zweite Grenzstation zu veranlassen.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Der Gasmarkt reagierte schockiert mit einem Preisanstieg um fast 7 Prozent, beruhigte sich aber wieder, nachdem doch über die zweite Grenzstation die vertraglich vereinbarten Lieferungen erfolgten. Dieser Vorfall ist gleichsam ein Warnschuss für die Europäische Union. Er soll in Erinnerung rufen, dass die EU rund 40 Prozent ihrer Gasimporte aus Russland bezieht und rund ein Drittel davon über Pipelines durch die Ukraine. Nur auf dem von ihr kontrollierten Territorium kann die Ukraine den Transit sichern.

In einer ersten Reaktion des in Österreich für Energie zuständigen Ministeriums wurde wieder das energiepolitische Mantra von den zu erfüllenden Lieferverträgen bis zur Vorbereitung auf den Ernstfall wiederholt. Dieser Vorfall könnte aber Anstoß sein, einen Anfang zu business as unusual beim Umgang mit Energie zu setzen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, zu einer ganz anderen Kommunikationsstrategie zu wechseln. Beispiele dafür finden sich in Deutschland, wo der für Wirtschaft und Klima zuständige Minister und Vizekanzler Robert Habeck dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnt, dass er auf unbequeme Zeiten vorbereitet.

Wie könnte ein solches andere Narrativ angesichts des ersten Transit-Stopps von Erdgas aus Russland aussehen? Erstens, dass es im kommenden Herbst weniger Gas geben wird. Die Wohnungen werden deshalb nicht kalt bleiben, aber ein bis zwei Grad weniger Raumtemperatur würden spürbare Entlastungen bringen. Auch die Industrie wird nicht stillstehen und beginnt sich durch Verträge mit neuen Lieferanten vorzubereiten, weil beispielsweise die Pipeline nach Italien in umgekehrter Richtung für verfügbare Lieferungen aus dem Süden nutzbar wird. Am schwierigsten wird es für die Bereitstellung von Elektrizität und Wärme über die mit Gas betriebenen thermischen Kraftwerke.

Zweitens, dass es für die Bewältigung dieser Herausforderungen besondere Anreize für einen sorgfältigeren Umgang mit Gas und Elektrizität geben wird. Diese werden ganz anders aussehen als die bisherigen Gießkannen-Aktionen von Energiekostenausgleich bis Erhöhung des Pendlerpauschale. Mit den Lieferanten von Gas und Elektrizität an die Endverbraucher werden neue Vertragsmodelle entwickelt, die einen Minderverbrauch von Elektrizität und Gas - beispielsweise gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre - mit einem Bonus honorieren. Bildlich bedeutet dies gleichsam ein Rücklaufen der Zähler, wodurch die Energierechnung reduziert wird.

Zwei Einsichten fundieren diesen Schritt: es ist billiger, Gas und Elektrizität durch Effizienz und Steuerungen zu vermeiden als bereitzustellen, und angesichts des Angriffskrieges ist es nicht vertretbar, diesen über die Gasimporte indirekt mitzufinanzieren.