Je länger Russlands Krieg in der Ukraine dauert, desto unversöhnlicher stehen in Deutschland und Österreich einander zwei Lager gegenüber, wenn es um die Frage des angemessenen Beitrags Europas zum Überlebenskampf der Ukraine geht. Die einen plädieren für große Zurückhaltung vor allem bei Waffenlieferungen. Ihre unausgesprochene Botschaft: Die Ukraine möge doch aufhören, Krieg zu führen, und sich in ihr Schicksal fügen. Nicht zuletzt, damit wir wieder ungestört unseren Geschäften nachgehen können und das Gas in Strömen fließt. Die anderen hingegen sehen sich einem von Wladimir Putin aufgezwungenen Krieg gegen den Westen schlechthin gegenüber, der durch ein Appeasement nicht gewonnen, sondern ganz im Gegenteil noch angefeuert wird, und halten daher die Unterstützung der Ukraine mit Waffen für alternativlos. Auch dann, wenn dadurch eine Rezession ausgelöst werden könnte.

Ich neige im Zweifelsfall eher zu dieser Sicht der Dinge, verstehe aber die Argumente jener, die vor gravierenden Folgen derart schwerer ökonomischer Schäden warnen und diese um jeden Preis vermeiden wollen. Derzeit scheint sich, nicht zuletzt angesichts der unfassbaren Verbrechen der Russen in der Ukraine, diese Auffassung auch unter den wichtigsten Entscheidungsträgern in Europa durchzusetzen; vor allem in London, Paris und Osteuropas Staatskanzleien, weniger hingegen in Berlin.

Doch wofür sich Europa entscheidet, sollte der Krieg weiter eskalieren, hängt letztlich von einer Frage ab, die der frühere tschechische Bürgerrechtler und spätere Staatspräsident Vaclav Havel schon 1994 im renommierten US-Magazin "Foreign Affairs" stellte: Inwieweit ist der Westen bereit, zur Verteidigung seiner Werte, seines Lebensstils, seiner Freiheiten und auch seines Wohlstandes Opfer zu bringen, also die Komfortzone zu verlassen und zumindest kurzfristig Verzicht in allen nur denkbaren Dimensionen zu üben? Anders, meinte Havel damals, sei eine von ihm prophezeite große Auseinandersetzung zwischen dem Westen und seinen Gegnern, die aus den Ruinen des Kommunismus entstehen würden, nicht zu gewinnen.

Havels pessimistische Einschätzung 1994: Der Westen habe weitgehend seine Fähigkeit eingebüßt, derartige Opfer zu erbringen; anders als die Osteuropäer, die nach Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung noch ein Gespür für den Wert der Freiheit hätten. "Die wirtschaftlichen Fortschritte der europäisch-amerikanischen Zivilisation, die auf Fortschritten im wissenschaftlichen und technischen Wissen basieren, haben die Wertesysteme des Menschen allmählich verändert", schrieb Havel damals. "Der Respekt vor den metaphysischen Horizonten seines Wesens wird immer mehr verdrängt, um einer neuen Gottheit Platz zu machen: dem Ideal des ewigen Wachstums." Havel mag mit der Notwendigkeit nachhaltigen ökonomischen Erfolgs etwas nonchalant umgegangen sein; aber falsch wird seine These dadurch nicht. In ganz bestimmten Ausnahmesituationen müssen wir uns einfach entscheiden, was falsch ist und was richtig. In diesen Tagen stehen wir vor so einer Situation.